Staunend

Die Beziehung zum Hund verbessern: Stimmungsübertragung

Leider hält sich das Gerücht vom Rudelführer als „Alleinherrscher“ im Wolfsrudel ja noch immer recht hartnäckig. Dabei sind Wölfe und Hunde viel demokratischer, als manch einer meint. Viele Entscheidungen werden gemeinsam getroffen – nämlich mittels Stimmungsübertragung. So schreibt zum Beispiel der Wolfsforscher Kurt Kotschral:

Eine wahrscheinliche Basis für das Synchronisieren von Gruppen stellt die so genannte „Stimmungsübertragung“ dar. Wenn etwa Hunger aufkommt oder sich Rudelmitglieder an einem bestimmten Platz nicht mehr wohl fühlen, so teilt sich dies über den Ausdruck von Emotionen den anderen mit. Nach und nach überträgt sich die Stimmung, etwa aufzubrechen, und sorgt so für synchrones Handeln. Wahrscheinlich sind Systeme von Spiegelneuronen im Gehirn dafür verantwortlich, die das wahrgenommene Ausdrucksverhalten in eigene affektive Gestimmtheit übersetzen. […] Nichts deutet nach Freilandbeobachtung [jedoch] darauf hin, dass Wolfsrudel befehlsorientiert und unter Strafsanktion funktionieren. Vielmehr scheint das synchrone Verhalten eines Rudels recht demokratisch organisiert zu sein. Mitgemacht wird, wenn man dazu in der Stimmung ist und die Alphas haben gewöhnlich weder Mittel noch Lust, widerspenstige Rudelmitglieder durch Druck auf Linie zu bringen. [1]

Und nicht nur im Wolfsrudel, auch zwischen Hunden und Menschen ist Stimmungsübertragung ein unglaublich wertvolles Mittel zur Kommunikation und zum Abgleich innerhalb der Gruppe.

 

 

Es ist einige Wochen nach Kalles Ankunft bei uns. Er hat sich eingelebt und zuhause die Angst verloren. Und er nervt. Herumrennen, Dinge klauen und zerstören, nach Kleidung schnappen. Ohne Pause. Angehängte Leinen beißt er innerhalb von Sekunden durch. Und jede Einengung oder räumliche Begrenzung versetzt ihn in Panik. Versuch abgebrochen, Hund rennt weiterhin ungehindert durch die Gegend. Irgendwann reicht es mir, und das sage ich ihm auch so. Er grinst, wirft sich auf den Rücken, strampelt und schnappt nach meinen Händen. Es reicht wirklich. Ich halte ihn mit einer Hand an der Brust fest. Mit der anderen nehme ich die schnappende Schnauze und lege sie vorsichtig auf den Boden. Er hält still. Ich fühle mich müde. Schaue ihn an. Warte. Er schläft ein. Ich staune.

Obwohl er heute lange aus dieser Phase heraus ist, gibt es Momente, in denen er zuhause angespannt ist. Er lauscht auf Geräusche, hält Ausschau nach Bewegungen. Dann nehme ich ihn in den Arm, ziehe ihn sanft auf den Boden, vermittle ein Gefühl von Frieden und Schlaf. Er lässt sich fallen. Und schläft.

Kalle ist unser Stimmungsbarometer. Schaut man ihn an, weiß man, wie sich die Gruppe fühlt. Treffen wir Entscheidungen über Stimmungsübertragung (eine Pause machen, weitergehen, …), ist er der Erste, der sie durchführt. Er teilt eine Menge von sich über Stimmungen mit. Und lässt sich sehr stark von meinen beeinflussen. Das ist ein Glück, denn dadurch wird unsere Verbindung sehr stark, unser Zusammenleben so viel leichter.

 

Unser Stimmungsbarometer.

 

Gemeinsam statt gegeneinander: Stimmungen aufnehmen

Du kennst das vielleicht. Diese Tage, an denen nichts funktioniert, an denen du einfach nur genervt von deinem Hund bist. Er zerrt an der Leine, hat die Nase nur am Boden oder die Augen nur am Horizont. Die Aufmerksamkeit überall, nur nicht bei dir. Du willst das Eine, der Hund das Andere. Es könnte genau der richtige Moment sein, einmal innezuhalten. Aufhören zu wollen. Anfangen zu fühlen. Sich einzufühlen in den Hund, sich zu interessieren für seine Interessen. Was riecht er, was sieht und hört er? Was könnt ihr gemeinsam erleben? Meine Hunde merken genau, wenn ich mich für ihre Angelegenheiten interessiere. Wenn wir eine Spur gemeinsam verfolgen, ist das ein Gruppenereignis, das den Zusammenhalt stärkt. Und das Interesse der Hunde, eine Spur bei einer anderen Gelegenheit alleine zu verfolgen, deutlich sinken lässt. Denn ohne die Gruppe macht es nur halb so viel Spaß. Auch Kalle taucht nicht mehr in seinen Jagdtrieb ab und vergisst alles um sich herum, wie er das früher tat. Auch wenn er ohne Leine läuft und plötzlich Wild auftaucht, bleibt er kontrollierbar, sofern ich präsent bin. Und ich merke an der Stimmung der Hunde, wann sie müde sind, eine Pause brauchen, wieder aufbrechen oder spielen wollen. Und lasse mich davon anstecken. Wenn du dich auf deinen Hund einlässt, wird er auch viel eher bereit sein, sich auf dich einzulassen.

Stimmungen übertragen

Stimmungsübertragung funktioniert sehr intuitiv und lässt sich nur bedingt beschreiben. Trotzdem versuche ich, die wichtigsten „Stimmungen“ hier aufzulisten und zu umschreiben, wie ich sie gezielt übertrage.

„Freude“

Am einfachsten ist es natürlich, Freude zu übertragen. Einfach ehrlich lächeln oder lachen. Das genügt. Als Einladung zum Spielen, Rennen oder Kuscheln, je nach Intensität und Färbung des Lachens.

„Frieden und Schlaf“

Die oben beschriebene Stimmung entsteht durch ein Gefühl des Sich-Fallen-Lassens, ein Versinken in wolkenweicher Watte, wie wenn man einschläft. Es funktioniert nur bei ruhiger Umgebung und mit der Möglichkeit für den Hund, sich hinzulegen. Ansonsten ist der nächste Punkt etwas besser geeignet.

 

 

„Entschleunigung“

Dieses Gefühl übertrage ich immer dann, wenn Kalle zu aufgeregt ist. Egal ob Hase, Katze, anderer Hund oder ein Schuss: Manchmal möchte er einfach nur noch rennen, hin oder weg, je nachdem, aber ohne Rücksicht auf Verluste. Dann schiebe ich mich beim Laufen vor ihn und bremse ihn mit einem langen, ruhigen Schschschsch aus. Wenn wir weitergehen, übertrage ich sehr viel Ruhe. Alle Bewegungen sind ein kleines bisschen entschleunigt, als würde man durch Sirup waten. Langsam atmend, sehr konzentriert. Das überträgt sich sehr schnell auf ihn und findet wieder aus seiner übermäßigen Aufregung heraus.

„Beschleunigung/Aufbruch“

Eine Art positive Unruhe, die eine leichte Spannung aufbaut. Diese Stimmung übertrage ich. wenn wir uns nach einer Pause zum Aufbruch vorbereiten, ich das allgemeine Tempo etwas erhöhen oder ein Stück mit den Hunden rennen möchte.

Sich schützen: Angst und Wut

Wie bereits erwähnt, ist Stimmungsübertragung kein Einwegspiegel. Genauso wichtig wie das Übertragen deiner Emotionen auf deinen Hund ist Aufnehmen der seinen. Trotz allem gibt es hier Grenzen. Gerade bei einem emotionsflexibel veranlagten Schätersky möchte man nicht unbedingt in den Strudel jedes seiner Gefühle geraten. Ich zum Beispiel bin kein Mensch, der besonders schnell wütend wird. Wütend bin ich vor allem über rücksichtloses, gedankenloses, gleichgültiges Verhalten, das anderen ernsthaft schadet. Nicht über Kleinigkeiten. Wenn sich jemand an der Kasse vordrängelt, mir in Diskussionen ständig ins Wort fällt oder mit 80 km/h auf der linken Spur der Autobahn dahin kriecht, taucht vielleicht kurz eine kleine „Warum-bloß?“-Wolke in meinen Gedanken auf, die sich aber schnell wieder auflöst. Schon gar nicht ärgere ich mich über Hunde anderer Leute, die schließlich nichts dafür können, wenn sie nicht erzogen wurden. Seit Kalle spüre ich aber eine deutliche Wut, wenn freilaufende, unverschämte Hunde auf uns zu kommen. Erst wusste ich nicht, wo diese eigentlich herkommt. Bis mir aufging: Das bin gar nicht ich. Das ist er. Die Schattenseite einer engen geistigen Beziehung. Ähnlich ist es mit der Angst. Seitdem Kalle bei mir lebt, bin ich schreckhafter geworden. Nicht, dass ich plötzlich Angst vor Autos hätte. Aber die Wahrnehmung ist eine andere. Mir fällt viel mehr auf, dass sie eigentlich wirklich ziemlich laut sind. Natürlich hilft es niemandem, wenn ich mich von diesen Emotionen anstecken lasse. Ich möchte ihm ja helfen, indem ich stattdessen positive Stimmungen auf ihn übertrage.

 

Manchmal muss man über den Dingen stehen.

 

Hier hilft es also, sich etwas weniger einzufühlen, etwas Abstand zu gewinnen. Im Falle der Wut zum Beispiel, indem ich stattdessen etwas von der Stimmung des Auslösers (i.d.R. ein anderer Hund) aufnehme. Was gleichzeitig den positiven Effekt hat, dass die Kommunikation mit diesem deutlich vereinfacht wird. Und man zu einer Einigung gelangt, ohne einander die Köpfe einzuschlagen. Im Falle der Angst, die häufig eher unspezifisch ist, konzentriere ich mich stattdessen mehr auf mich selbst, auf meine eigenen Gedanken, die ich auf etwas Angenehmes lenke. Auf Physik nämlich. Und schon bin ich wieder rational und kann bewusst zur oben beschriebenen „Entschleunigung“ finden und sie übertragen.

Wie sieht es bei euch aus? Überträgst du gezielt Stimmungen auf deinen Hund und nimmst die seinen auf?

 

[1] Kurt Kotschral: Wolf – Hund – Mensch, Piper Verlag, Juli 2014

 

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