Gedachtes

Entfernt – ohne Hund in China

Wind rauscht im Bambus. Die leise Musik der Flöte, begleitet von entschlossenem Vogelgezwitscher, kämpft einen aussichtslosen Kampf gegen Baustellenlärm, Motorengebrüll und Hupkonzerte. Der zarte Duft von Laub und Rosen hat schon verloren gegen die Dünste der Großstadt. Allein die Sonnenstrahlen finden tapfer ihren Weg durch den Smog und glitzern auf starren Glasfassaden und sanft kräuselndem Wasser gleichermaßen. Ich stehe im Seeufer, nehme all die verschiedenen Eindrücke in mich auf. Und empfinde wieder einmal zwiespältig gegenüber diesem Land.

 

 

China. Zwei Wochen ohne Hunde unterwegs. Zwei Konferenzen. Zwei Städte. Shanghai und Wuhan. Viele Menschen, viel Schönheit, viel Freundlichkeit. Und viel Zerstörung, viel Plastik, viel Dreck. Wenige Hunde. Die Stille gut versteckt hinter Hektik und Lärm.

Reisen ohne Hunde?

Es fällt mir immer schwer, ohne die Hunde zu verreisen. Diesmal ist es ganz besonders schwer. So weit entfernt, ganz außer Reichweite, nicht mal uneingeschränkt erreichbar. Was, wenn ihnen etwas passiert, und ich kann nicht kommen? Dazu kommt das schlechte Gewissen wegen der Flugreise. Alle Bemühungen um einen möglichst umweltfreundlichen Alltag erscheinen ein wenig sinnlos, wenn man dann doch um die halbe Welt fliegt. Andererseits geht es hier um Quark Matter, die wichtigste Konferenz in unserem Feld. Also lasse ich das Schicksal entscheiden: Ich reiche einen Vortrag ein. Sollte er genehmigt werden, würde ich zusagen. Falls ich nur ein Poster bekäme, bliebe ich hier. Ich bekomme den Vortrag.

 

Shanghai

 

So steige ich mit mulmigem Gefühl ins Flugzeug nach Shanghai. Vermisse die Hunde schon jetzt. Lande eine schlaflose Nacht später. Die Stadt ist sehr groß, sehr grau und sehr laut. Überall identische Hochhäuser an breiten Straßen, so viel Verkehr, kaum Grün. Ich fühle mich auf Anhieb unwohl.

Hunde in Shanghai

In Shanghai begegnen mir zwei Arten von Hunden. Die einen sind Rassehunde im Handtaschenformat. Sie tippeln an pinken oder hellblauen Halsbändern und farblich passenden Leinen neben gestylten Chinesinnen her. Häufig tragen sie trotz der warmen Temperaturen Kleidung, möglichst mit Rüschen oder auffälligem Muster.

 

Straßenwelpen

 

Die anderen sind Straßenhunde. Scheue Mischlinge, die im Abfall nach Futter suchen. Immer bereit zu flüchten. Als ich zwei Welpen entdecke, muss ich mich selbst überzeugen, dass ich ihnen nicht helfen kann. Nicht allen Straßenhunden dieser Welt helfen kann. Sie nicht nach Deutschland transportieren kann. Schon zwei Hunde habe. Dass sie vielleicht gar nicht gerettet werden wollen.

Ich in Shanghai

Ich werde nicht wirklich warm mit Shanghai. Bin einfach kein Mensch für die Großstadt. Schon gar nicht für diese.

So viel Umweltverschmutzung. Der Smog. Das Wasser. Es ist voller Schadstoffe und Chlor, das gegen die zahlreichen Keime ankommen soll. Das Hotel stellt einem jeden Tag zwei Flaschen mit sauberem Wasser zum Zähneputzen und co zur Verfügung. Plastikflaschen, die danach natürlich im Müll landen. Das Mineralwasser in der Minibar kommt aus Europa.

 

 

Obwohl mir im Vorfeld von den Organisatoren der Konferenz versichert wurde, es werde veganes Essen geben, ist man nicht vorbereitet. Mittags werden sogenannte Lunchboxen zur Verfügung gestellt. Essen in Plastikschachteln mit Plastikstäbchen in Plastiktüten. In meiner Lunchbox wurden die größten Fleischstücke aussortiert. Stattdessen gibt es Joghurt dazu. Das versteht man hier unter vegan. Ich bin hungrig und das Essen wegzuwerfen hilft niemandem. Trotzdem bringe ich kaum etwas hinunter. Zu lebhaft sind die Bilder der Massentierhaltung, das Wissen um die Umweltverschmutzung, all die politischen Folgen des Fleischkonsums. Kaum jemand isst den Inhalt seiner Lunchbox auf. Alles wird zusammen in großen Plastiksäcken entsorgt. Ich versuche, das Thema Mülltrennung anzusprechen. Die Dame mit den Müllsäcken nimmt mir den Abfall aus der Hand und stopft ihn in den Sack. Natürlich kann sie kein Englisch.

Mein schlechtes Gewissen wird immer stärker. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, warum ich eigentlich hier bin.

 

Fudan University

 

Ich bin hier wegen der Physik. Es ist ein sogenanntes „Satellite Meeting“ zu Quark Matter über neue Entwicklungen der Hydrodynamik. Ich freue mich, einige Kollegen wieder oder auch zum ersten Mal persönlich zu treffen, Ideen auszutauschen, zu diskutieren. So vergeht die erste Woche dann doch recht schnell.

Ich in Wuhan

Mit dem Zug geht es nach Wuhan. Durch das Fenster sehe ich Wälder und Berge. Endlich Grün nach dem eintönigen Grau der Großstadt. So gerne würde ich jetzt diese Wälder mit den Hunden erkunden.

 

Wuhan hinter dem East Lake

 

Alles in allem ist Wuhan sehr viel schöner als Shanghai. Flüsse und Seen, Bäume am Straßenrand und in kleinen Waldabschnitten. Ich sehe Hunde, die Menschen, aber keine Mäntel haben und zufrieden aussehen. An dem Fußweg zwischen Konferenzgebäude und Hotel wohnt eine Katze, mit der ich mich anfreunde.

 

 

Die Konferenz ist groß. Sehr groß. So viele Menschen. Das macht persönliche Gespräche und Diskussionen eher schwierig. Ich höre viele interessante Vorträge. Kann trotz allem mit ein paar Leuten reden. Bin erleichtert, dass die Konkurrenz anscheinend auch nicht mehr versteht als wir. Bringe meinen eigenen Vortrag hinter mich und bin erstaunt über das Interesse. 

 

Konfenrenzgebäude (rot und rund)

 

Zugegebenermaßen bin ich erleichtert, als auch die zweite Woche zu Ende geht. Konferenzen sind anstrengend. Ich freue mich auf vernünftiges Essen. Und natürlich vor allem auf die Hunde. Am Morgen vor dem Abflug laufe ich alleine zum See. Stehe am Ufer und empfinde zwiespältig gegenüber diesem Land. 

 

 

Ein Land mit sehr freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Mit beeindruckender Kultur. Aber auch mit viel Ungleichheit. Häufig mit erschreckender Gleichgültigkeit gegenüber Tieren und Natur. (Ich versuche, das zu verstehen. Ein chinesischer Kollege erklärt mir: „Wenn man ein Kind ist, denkt man nicht wirklich darüber nach. Und wenn man dann erwachsen ist, denkt man noch weniger nach, weil alles schon zur Gewohnheit geworden ist“. Hm.) Mit undemokratischer Regierung und paranoiden Staatsbeamten. (Bei einer Sicherheitskontrolle rät mir ein Freund auf keinen Fall zu sagen, dass ich Nuklearphysikerin bin. Er kenne jemanden, der deshalb festgehalten worden sei. Wir sind Theoretiker. Das ist, als verdächtige man jeden Kriminalbuchautor, ein Mörder zu sein. Möglicherweise stolpert man auch mal über (theoretisches!) Wissen, das man (theoretisch!) zum Schaden anderer einsetzen könnte. Aber eigentlich erzählen wir nur Geschichten.) Ein Land also, bei dem ich nicht sicher bin,  ob ich es mag.

 

 

Vielleicht werde ich nie wieder nach China kommen. Ich überlege, ob mich das traurig macht. Ich denke nicht.

Zuhause

In Deutschland empfängt mich nasse Novemberkälte statt sonniger chinesischer Wärme. Sobald ich jedoch die Haustür öffne, ist die Begrüßung sehr warm. Nass ist sie auch, aber das stört mich nicht. Ich vergrabe mein Gesicht in geliebtem Hundefell.

 

2 Kommentare

  • Miriam

    Ein sehr interessanter Beitrag. China käme für mich als Reiseland nicht in Frage, da ich nur mit den Hunden verreise und geschäftlich auch nicht weg muss, aber die Bilder und Berichte finde ich spannend.
    Liebe Grüße
    Miriam

    • Kalle

      Ohne berufliche Gründe würde ich auch nicht ohne Hunde verreisen. Es gibt ja so viele schöne Orte, die gut mit Hund erreichbar sind. Freut mich, dass dich mein Beitrag interessiert. 🙂
      Liebe Grüße,
      Nora

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