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Fridolin

2017_45.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

Sie sah sie nicht, so sehr sie sich auch anstrengte. Sie betrachtete das silberne Ahornblatt, blickte auf die kahle Stelle an der Wand und versuchte sich das Gefühl in Erinnerung zu rufen, wie sie sich mit der Kette um den Hals betrachtet hatte in dem Spiegel, der ihr mittlerweile unerträglich geworden war, sich vielleicht nicht schön, aber doch recht hübsch gefunden hatte. Die Schönheit des Anhängers war verschwunden, so wie alle Schönheit verschwunden war.  Langsam legte sie die Kette auf den Nachttisch zurück und ließ sich wieder auf ihr Kissen sinken. Sie hatte aufstehen wollen, hatte es wirklich versucht, wenigstens für ein Glas Wasser, doch schon der Weg in die Küche kam ihr wie eine Chinareise vor, unvorstellbar das momentan zu schaffen. Fridolin der Dackel, der zusammengerollt neben ihrem Kissen geschlafen hatte, krabbelte zu ihr herüber und leckte ihr Ohr. Er musste schrecklich hungrig sein, sie war die schlechteste Hundehalterin der Welt. Seine dunkelbraunen Augen blickten sie mit einer Wärme und Zuneigung an, die sie nicht im Geringsten verdient hatte. Und in diesem Blick sah sie – nicht die Schönheit zwar, doch eine Ahnung ihrer Existenz, als ob sie bloß irgendwo versteckt wäre, als ob sie sie irgendwie wiederfinden könnte. Plötzlich wurde ihr klar, dass sie für ihn nach China reisen und in die Küche gehen würde, um Futter in seinen Napf zu füllen, dass sie für ihn durch die Sahara wandern und nach draußen gehen würde, um ihn spazieren zu führen, und dass sie vielleicht, ganz vielleicht auch für ihn zum Mond fliegen würde, zum Telefon greifen und eine Nummer wählen und sich auf die Suche nach der verlorenen Schönheit machen würde.

Wieder mal im letzten Moment ein Beitrag zu den abc.etüden. Die Graphik ist von  ludwigzeidler.de.

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