Staunend

Glück. Ein Jubiläumsbeitrag.

Er folgt mir mit der Miene eines tapferen Soldaten, der weiß, dass er in den Tod geht. Kurz kämpft er gegen die Strömung. Dann plötzlich wird seine Körperhaltung noch ein Stück aufrechter, der Gang federnd. Ihm geht auf, dass er dieses Mal nicht sterben, auch diesen Bach überleben wird. Das letzte Stück muss er schwimmen. Ich halte ihn am Geschirr fest, dirigiere ihn zum Ufer. Schiebe von unten, als er die steile Böschung hinauf klettert. Oben angekommen, zieht er mich hinterher. Wir grinsen einander an. Schütteln uns. Rennen zeitgleich los. Über die Wiese. Als sich unsere Blicke begegnen, weiß ich, dass sein Strahlen das meine spiegelt. Und als wir uns nebeneinander ins Gras fallen lassen, stelle ich fest, dass ich glücklich bin. So glücklich wie schon lange nicht mehr.

Heute gibt es gleich zwei Gründe zum Feiern. Unser zweiter Bloggeburtstag. Und unser hundertster Blogbeitrag. Wow. Für einige sind zwei Jahre wahrscheinlich nicht viel, ich aber bin fast ein bisschen erstaunt, dass ich lange durchgehalten habe. Diesen Tag möchte ich nutzen, um euch von etwas ganz Besonderem zu berichten: Glück.

 

 

Glück haben

„Da hast ja wirklich Glück gehabt.“ Diesen Satz habe ich in letzter Zeit mehrfach gehört. Einerseits, was die Wohnung betrifft. In Frankfurt eine bezahlbare Wohnung zu finden ist schwierig. Mit Hund ist es sehr schwierig. Und mit zwei Hunden quasi unmöglich. Und doch sitze ich hier, mit beiden Hunden in einer gemütlichen Wohnung. Schaue ich aus dem Fenster, sehe ich Felder, Wiesen und Fluss. Dahinter Frankfurts Hochhäuser. Wir wohnen fast direkt am Feldrand, was auch nötig ist, um mit Kalle angstfrei spazieren gehen zu können. Zur Uni benötige ich mit dem Fahrrad zwanzig Minuten auf einem Radweg am Fluss entlang. Mit der S-Bahn gelangt man recht schnell in die Innenstadt. Mit dem Auto sind großartige Wandergebiete im Taunus in kurzer Zeit zu erreichen.

Es ist fast perfekt. Nur einen Balkon hätte ich mir gewünscht, um mit den Hunden in der Sonne zu sitzen. Doch dann verstehe ich, dass wir keinen Balkon brauchen. Weil wir einen „Garten“ haben, viele hundert Quadratmeter groß. Mit Bäumen und Blumen und ohne Arbeit. Wir können es uns jederzeit auf einer Wiese bequem machen, lesen und den Frühling atmen. Die Menschenmassen benutzen nur ein, zwei Wege. Alle anderen Wege sind fast leer, und ruhige Orte, an denen wir auch sonnigen Sonntagnachmittagen ungestört sind, schnell gefunden. Wir haben wirklich Glück.

 

 

Andererseits betrifft es meine Doktorandenstelle. Für ein Stipendium, das mal im Gespräch war, haben die Bewerbungsfristen nicht so gut gepasst, sodass ich mich gar nicht erst beworben und stattdessen eine Stelle bekommen habe. Mein „Bewerbungsgespräch“ lief folgendermaßen ab: „Weißt du schon, was du danach [also nach dem Masterabschluss] machen möchtest?“ – „Ich möchte schon gerne bleiben….“ – „Ich möchte dich natürlich auch behalten. Was hast du dir denn so vorgestellt?“ – „Wenn du eine Stelle hättest, wäre das schön.“ Und das war es schon. Die Hundeproblematik kennt mein Prof und hat zu meinem großen Glück Verständnis dafür. Die nächsten drei Jahre werde ich das tun können, was ich mit Begeisterung tue, und ich werde es schaffen, mich dabei gut um die Hunde zu kümmern. Ich habe so viele Ideen und freue mich so darauf, mehr zu lernen. Wir haben wirklich Glück.

Glücklich sein

Und wenn wir morgens zwischen Vogelgezwitscher und Blütenduft am Fluss entlang laufen, wenn wir aneinandergekuschelt arbeiten bzw. schlafen, wenn wir auf neuen Wegen wandern, wenn wir abends müde in unsere Betten fallen, wird mir bewusst, dass wir nicht nur Glück haben. Wir sind auch glücklich. Das wird viel zu leicht selbstverständlich und ich rufe es mir immer wieder ins Bewusstsein. Und bin dankbar.

 

 

Nur manchmal

Und manchmal kommt es mir so zerbrechlich vor, das Glück. Ich denke daran, dass Mia schon über vierzehn ist und frage mich, wie lange sie noch bei uns sein wird. Was wäre, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre? Könnte Kalle überhaupt Einzelhund sein? Könnte ich in der momentanen Situation überhaupt die Verantwortung für einen neuen Hund übernehmen? Ich frage mich, warum ich mir eigentlich sicher bin, Arbeit und Hunden in Zukunft immer gerecht zu werden. Was, wenn ich die Hunde zu viel alleine lassen muss, Kalle bellt, sich die Nachbarn beschweren? Was, wenn ich irgendwann nicht mehr genug Zeit habe, nicht schnell genug zu Ergebnissen komme, die Hunde nicht genügend auslaste? Was wird in drei Jahren sein, was mache ich, wenn ich nicht mehr an der Uni bin, wie wird es weitergehen mit uns?

Was-wenn-Fragen sind immer schlecht, jetzt die Zukunft planen zu wollen ist Quatsch. Ich versuche, im Moment zu leben, auch wenn es nicht immer leicht ist.

Gerade deshalb

Deshalb höre ich jetzt auf zu schreiben. Kalle hat sich neben mir zu einer selig schlummernden Kugel zusammengerollt, die Nase zuckt im Schlaf, fast tut es mir leid, ihn zu wecken. Gleich werde ich aufstehen und die Leinen holen, und die Vorfreude auf den Spaziergang wird ihn zum Wedeln und Leuchten bringen. Gemeinsam werden wir Mia wecken. Dann werden wir raus gehen, über Wiesen rennen und den Frühling atmen. Ein bisschen Geburtstag feiern. Und glücklich sein.

 

6 Kommentare

  • Rina

    Das freut mich unbekannterweise sehr zu lesen! Genießt den Frühling und eure gemeinsame Zeit, was später kommt sieht man dann noch früh genug …

  • Bernd

    Na dann: Herzlichen Glückwunsch! Mögest du weiterhin glücklich sein, mit deinem Blog, mit deiner Arbeit, deinem Wohnumfeld und den Hunden. Ich lese hier gerne weiter (und bedauere es, dass keinen „Gefällt-mir-Button“ mehr gibt. Liebe Grüße, Bernd

  • Isabella

    Ich gratuliere Dir zum Blog-Geburtstag und zum 100. Beitrag … und ich kann gut verstehen, dass Du stolz darauf bist – ist auch richtig so.
    Ich freue mich, dass Du Dein Glück im Moment gefunden hast und genießt. Natürlich kommen auch die anderen Gedanken auf – aber ich finde, man sollte sich erst dann miit den möglichen Schwierigkeiten befassen, wenn sie da sind. So viel in meinem Leben hat sich schon geändert, gute Lösungen für mich und die Hunde habe ich immer gefunden.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

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