Das Leben und so,  Schätersky erzählt

Hundeleben im April

Ihre Monatsrückblicke werden langsam langweilig. Meiner Klientin, sie zu schreiben, und euch, sie zu lesen. Die Zahl der Aufrufe ist monoton fallend, ganze neunzehn hatte der letzte. Deshalb habe ich beschlossen, die Sache mal zwischen meine kundigen Zähne zu nehmen. Rückblick auf Hundeart.

Sie jammert. „Keine Brille“, nörgelt sie. Nichts sehe sie. „Keine Jacke“. Sie friere. Irgendetwas von wegen Schlafanzug und hoffentlich keine Nachbarn. Ich ziehe sie entschlossen weiter durchs Gestrüpp, auf der Suche nach dem perfekten Busch. Ich habe ganz genaue Vorstellungen von optimaler Größe und idealem Geruch. Kompromisse kommen nicht in Frage. So dringend ist es nun auch wieder nicht. So dringend, dass ich sie um fünf Uhr morgens durch Alarmbellen aus dem Schlaf reißen musste, wie ein Sirenenflummi jaulend vor der Tür hüpfen musste, das ja. Aber nicht so dringend, dass ich mit einem zweitklassigen Busch Vorlieb nehmen würde.

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Die Frau schaut meine Klientin an und fragt sich wohl, ob sie das ernst meint. Meine Klientin lächelt nicht, denn sie meint es ernst. Dann kommt Bewegung in die Sache. Ein Hund wird hektisch eingefangen und angeleint. Der tue nichts, ist behauptet worden. Offensichtlich inkorrekt, denn er tat etwas. Nerven zum Beispiel. „Meiner schon“, hat sie korrekterweise erwidert. Atmen zum Beispiel, in die Luft schauen, oder auch Nervensägen anknurren. Das braucht sie aber gar nicht weiter auszuführen, denn schon sind Frau und Hund verschwunden. Diese beiden Worte sind wirklich eine Zauberformel.

Sie jammert schon wieder. Dieses Mal nicht wegen mir. Sie hat vorhin Brennnesseln gepflückt. Sie in ihre Tasche gesteckt. Dieselbe Tasche, in der sonst das Handy ist. In die sie gewohnheitsmäßig ständig hineintastet, um zu kontrollieren, dass das Handy noch da ist. Es war nicht ihre beste Idee.

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Es ist einer der Anderen. Er guckt. Er provoziert mich! Da hat er sich mit dem Falschen angelegt! Ich lasse meine messerscharfen Zähne blitzen, grolle furchterregend, stürze los. Knalle gegen das Fahrrad meiner Klientin. Sie flucht. Ich humpele winselnd auf drei Beinen. Sie hört auf zu schimpfen. Untersucht mein Bein, findet keine Anzeichen einer Verletzung. Das ist kein Wunder, denn mit dem Bein ist alles in Ordnung. Das muss sie nur noch nicht wissen. Ich lasse mich eine Weile trösten. Dann kann es weitergehen. Ein bisschen schneller bitte, ja?

„Leinenphobie“, erklärt sie mir. „Das ist mittlerweile zur Volkskrankheit geworden.“ Sie drehen um, gehen andere Wege, kämpfen sich durchs Unterholz, sie schleudern Bälle oder winken mit Futter, um ihre Hunde abzulenken (erfolglos meistens). Alles, um zu vermeiden, mal kurz die Leine hervorzuholen, um an uns vorbeizugehen. Wir verstehen das nicht. Wir mögen die Leine. Wir haben einander gerne in der Nähe und die Leine ist eine Verbindung zwischen uns.

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Plötzlich bin ich frei. Flüchtender Feldhase direkt vor, Klientin liegt im Matsch, Leine weht hinter mir her. Der Jagdrausch hat mich gepackt. Die letzte richtige Jagd ist so lange her. Und nun, unverhofft, nichts mehr, das mich zurückhält. Niemand, der mich zurückhält. Keine Klientin. Ich bleibe stehen. Dann renne ich zurück, so schnell ich kann. Da ist sie. Sie streichelt mich, ich drücke mich an sie. Wann ist sie mir wichtiger geworden als Hasen? Das ist ja fast peinlich.

Und zu guter Letzt: Der Zwölftelblick im April.

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8 Comments

  • Socke- nHalterin

    Es tut mir sehr leid, dass die lust verloren geht. Ich habe sie immer geliebt die Rückblicke Deiner Klientin zu lesen. Die Bloggerwelt bei den Hunden wird insgesamt ruhiger. Das liegt also nicht an Euch.
    Dieser Rückblich war schwieriger zu lesen, als der Deiner Klientin. Ich versuche mich daran zu gewöhnen. Das mit den Brennesseln ist blöd, aber wieso steckt sie sie in die Tasche?

    Viele nachdenkliche Grüße
    Sabine mit Socke

    • Schätersky und Frauchen

      Da ist interessant. Mir war ein bisschen nach Veränderung, aber vielleicht war das nicht die richtige. Ich werde das nächsten Monat nochmal überdenken. Vielleicht doch die Form der Rückblicke beibehalten und mir nur mal neue Stichpunkte ausdenken. Die Brennnesseln kamen ins Futter, kurz mit heißem Wasser übergossen, damit sie nicht mehr brennen. Sehr gesund! 🙂

      Liebe Grüße!

      • Socke- nHalterin

        Wenn Du die Brennessel zuvor auf den Boden drückst, dann kannst Du die Blätter ohne Bedenken anfassen. Man trinkt ihn hier als Smoothie und überlistet so die Nesseln….

        Viele liebe Grüße
        Sabine mit Socke

  • diefantastischen4beiner

    Tut was ihr für richtig haltet.Ich habe alles aufgesogen wie ein Schwamm.Dabei fiel mir das Sahnehäubchen von meiner aufgegabelten Erdbeere hinab,sehr zur Freude der Hunde natürlich 🙂.
    Ich schweife ab….
    Liebe Grüße
    Johanna&Lila

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