Gedachtes,  Staunend

Jedem seine Sprache

Ich wünschte, alle wären wie er. Höflich und rücksichtsvoll. Unser Leben wäre so viel einfacher. Und ich wünschte, seine Halterin würde sich ein Beispiel an ihm nehmen.

Der Golden Retriever kommt ohne Leine auf uns zu. Kalle erstarrt für den Bruchteil einer Sekunde und sieht ihn direkt an. Der andere wendet den Blick ab und wedelt beschwichtigend. Kalle, der seinen Standpunkt hinreichend klar gemacht hat, schaut nun ebenfalls zur Seite und setzt zu einem höflichen Bogen an. (Hauptsächlich, weil ich neben ihm stehe und wiederum ihn fest anblicke. Auf sich gestellt, würde er lieber noch einen draufsetzen. Rein vorsichtshalber.) Der Retriever schnüffelt eifrig am Wegrand auf der uns abgewandten Seite und gibt uns so Gelegenheit, ungestört zu passieren. Perfekt. Bis sein Frauchen anfängt zu schimpfen. Weil wir einen Bogen laufen. Ihr Hund sei lieb. Wir müssten zu ihm gehen. Weil meine es sonst nie lernen.

Da fragt man sich doch, was „es“ eigentlich genau ist. Und warum meine Hunde „es“ lernen müssen. Und wie man es schafft, so gar nichts von der Kommunikation zu bemerken, die bei einer Hundebegegnung abläuft.

Es war ein Paradebeispiel für gelungene hündische Kommunikation. Für Kalle keinesfalls selbstverständlich. Ich habe Jahre verbracht, ihm das zu vermitteln. Wenn er keinen Kontakt möchte, ist das in Ordnung. Allerdings kann man das zivilisiert ausdrücken, anstatt blindlings draufzuhauen. Dazu ist Sprache da.

Die Sprache der Hunde

Hunde haben eine eigene Sprache. Eigene Umgangsformen, eigene Höflichkeitsregeln. Das zu erkennen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Es zu respektieren ebenfalls. Wenn ich in einem anderen Land bin, quatsche ich die Leute dort auch nicht auf deutsch voll und erwarte, dass sie es verstehen. Wenn ich mit Chinesen esse, meckere ich selbstverständlich nicht darüber, dass sie die Suppe schlürfen, auch wenn das nicht den Gepflogenheiten entspricht, die ich gewohnt bin. Wenn ich mit chinesischen Professoren spreche, rede ich sie mit ihrem Titel an, weil das dort so üblich ist. Auch wenn es mir umständlich erscheint und mir unsere europäische Gewohnheit, die Vornamen zu benutzen, sympathischer ist. Doch natürlich möchte ich nicht unhöflich sein. Und es genau dem gleichen Grund laufe ich immer Bogen, wenn wir fremden Hunden begegnen. Je nach Körpersprache des Hundes nur andeutungsweise bis deutlich. Und es geht mir schon ein bisschen auf den Keks, dass die Leute diese Höflichkeit ständig mit Angst verwechseln. Um das mal festzuhalten: Hunde sind so ziemlich das Letzte, wovor ich Angst habe. Auch meine Hunde haben keine Angst vor anderen Hunden. Sie haben einfach kein Interesse an Kontakt.

 

Kontakt zu fremden Hunden brauchen die beiden nicht wirklich.

 

Viel zu oft erlebe ich, dass Leute versuchen, ihre Vorstellungen von angenehmen Begegnungen auch den Hunden aufzuzwingen. Ja, unter Menschen ist es höflich, einander in die Augen zu sehen und zu grüßen. Unter Hunden ist es durchaus höflich, in entgegengesetzte Richtungen zu schauen und einander zu ignorieren. Da muss man seinen Hund nicht auffordern, „doch mal hallo zu sagen“. Man muss nicht nicht meckern, sich nicht beleidigt fühlen, nicht versuchen, Kontakt zu erzwingen, der überhaupt nicht gewollt ist. Man kann stattdessen einfach mal versuchen, die Sprache zu verstehen, die hier gesprochen wird. Und zu respektieren, dass es neben den eigenen auch andere Umgangsformen gibt. Vielleicht kann an ja etwas dazulernen.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Punkt, an dem sich hündische Sprache von menschlicher unterscheidet. Das wird mir bei einer anderen Begegnung mal wieder bewusst.

Ein typisches Missverständnis

Dieser Hund ist angeleint. Ich nehme meine ebenfalls an die Leine und lasse sie auf der ihm abgewandten Seite laufen. Sobald wir etwa dreißig Meter von ihm entfernt sind, friert er in geduckter Haltung ein und starrt uns an. Es ist klar, dass seine Individualdistanz für ihn hiermit unterschritten ist. Leider müssen wir aber vorbei, der Weg lässt ein großräumiges Ausweichen nicht zu. Wir gehen langsam weiter, so dicht am Wegrand wie möglich. Die andere Hundehalterin befiehlt ihrem Hund Sitz. Er setzt sich vor sie und starrt uns weiter an. Als wir auf seiner Höhe sind, springt er auf, legt sich in die Leine und bellt uns an. Die Frau reißt grob am Halsband und schreit ihren Hund an. Ich gehe innerlich kopfschüttelnd weiter. Leute gibt es. Kalle hatte während dieser Begegnung einmal kurz zum anderen Hund geschaut, wurde von mir leise korrigiert und war ruhig. So macht man das nämlich.

Nachdem die erste Selbstgerechtigkeit verflogen ist, beginne ich gründlicher nachzudenken. Im Grunde kann ich die andere Hundehalterin schon verstehen. (Was nicht heißt, dass ich den Umgang mit dem Hund gut finde.) Sie hatte sicher ein klares Bild davon, wie die Begegnung ablaufen sollte: Der Hund sitzt ruhig da, während wir vorbeigehen. Sicher hatte sie auch viel mit ihm trainiert, denn er setzte sich sofort und ohne zu zögern auf ihren Befehl hin. Und dann, obwohl er es doch eigentlich kann, befolgte er die Anweisungen doch nicht, als es darauf ankam. Sprang auf und tat genau das, was sie vermeiden wollte. Eigentlich verständlich, dass man da wütend wird.

 

Auch im „Sitz“ wird die Umgebung gescannt. Würde er in diesem Moment einen anderen Hund sehen, müsste ich ihm explizit mitteilen, dass er nicht zu reagieren braucht. Das „Sitz“ alleine würde nicht genügen.

 

Aus Sicht des Hundes sah die Sache aber vermutlich ganz anders aus. Stell dir vor, dein Chef ruft dich in sein Büro, bittet dich Platz zu nehmen und kurz zu warten, und verlässt den Raum. Vermutlich kommst du jetzt nicht auf die Idee, aufzustehen und einfach weg zu gehen. Oder herumzulaufen und in seinen Sachen zu wühlen. Also bleibst du sitzen. Bis du plötzlich Rauch riechst. Nun könntest du dir denken: Ich soll hier sitzen bleiben. Wenn währenddessen die Firma abbrennt, was kümmert es mich? Wenn du allerdings über einen Funken Verstand verfügst, wirst du davon ausgehen, dass die Anweisung von vorhin hiermit ungültig ist, aufstehen und nachsehen, was los ist. Es könnte sein, dass du und andere in Gefahr sind. Das ist im Moment das Wichtigste.

Ganz ähnlich könnte es dem Hund gehen. Er hat die Anweisungen befolgt, solange es keinen guten Grund gab, sich anders zu verhalten. Angesichts einer vermeintlichen Bedrohung musste er dann aber reagieren. Vermutlich war das Ganze ein Missverständnis. Denn niemand hat ihm gesagt, was er eigentlich nicht tun soll. Nämlich uns anbellen. Das konnte er gar nicht wissen. Und das selbe Problem hatte ich früher auch mit meinen Hunden. Ich habe, wie es immer empfohlen wird, ein Ersatzverhalten trainiert. Aber dabei nie gesagt, welches Verhalten mich eigentlich stört.

Der Unterschied

Denn hier liegt einer der größten Unterschiede zwischen Hunden und Menschen. Jeder, der schon mal einen Menschen gebeten hat, einen ängstlichen Hund nicht anzuschauen, weiß, wie gut das funktioniert. Nämlich überhaupt nicht. Es führt dazu, dass derjenige erst recht zum Hund schaut. Er kann gar nicht anders. Man muss Menschen sagen, wo sie hinschauen dürfen und darf nie erwähnen, wo sie nicht hinschauen sollen. Das Verbotene zieht uns magisch an, schon seit Adam und Eva. Vielleicht ist es das, was uns von anderen Tieren unterscheidet, was unseren evolutionären Erfolg ausmacht. Wer verbotenerweise mit dem Feuer spielt, entdeckt dabei womöglich, wie man es kontrolliert. Hunde dagegen sind grundlegend anders. Kennst du diese Werbung, in der ein Kind eine bestimmte Süßigkeit bekommt, sie aber nicht öffnen soll? Es schaut die ganze Zeit auf die Süßigkeit, dreht sie in den Händen, beschäftigt sich mit ihr. Das ist menschlich. Wenn ich eine Schüssel mit Wurst auf den Boden stelle und den Hunden das Fressen verbiete, ignorieren sie die Schüssel komplett. Sie schauen nicht hin, schnuppern nicht in ihre Richtung, laufen einfach an ihr vorbei, als wäre sie überhaupt nicht da. Durch das Verbot hat dieses Futter in den Augen der Hunde jegliche Relevanz verloren. Wenn ich den Raum verlasse, bleiben sie entweder liegen oder kommen mir hinterher, um zu schauen, ob ich nicht noch mehr Wurst habe. Nie kämen sie auf die Idee, sich das Futter auf dem Boden zu schnappen. (Obwohl ich sicher bin, dass sie wissen, dass ich es nicht verhindern könnte.)

 

Wenn Mia alleine mit dem Stofftier spielen möchte, zeigt sie Kalle deutlich, dass er das Spielzeug nicht nehmen darf. Sie würde nie auf die Idee kommen, ihm stattdessen „Platz und Bleib“ zu befehlen, damit sie ihre Ruhe hat…

 

Und wenn ich meinen Hunden sage, sie sollen einen anderen nicht anschauen, tun sie das nicht. Man kann Hunden nicht sagen, wo sie hinschauen sollen, sondern nur, wo sie nicht hinschauen dürfen. Das ist der Unterschied. Eine direkte Anweisung, etwas zu tun, sieht ihre Sprache einfach nicht vor. Kein Hund würde einem anderen befehlen, sich zu setzen. Er könnte ihm höchstens verbieten, sich von der Stelle zu bewegen. Natürlich kann Signale wie Sitz oder Schau trainieren. Damit erreicht man aber nie die gleiche Ebene der Kommunikation wie bei Verwendung ihrer eigenen Sprache. Mehr zu dieser Art der Kommunikation kannst du übrigens hier nachlesen.

Im Grunde wollen unsere Hunde und wir meistens etwas Ähnliches: Sicherheit, Harmonie, Gemeinschaft. Nur unsere Vorstellungen, wie dies zu erreichen ist, und die Art der Kommunikation unterscheiden sich mitunter. Als das Ende der Leine mit dem höheren IQ sollten wir nicht von unseren Hunden erwarten, sich unseren Konzepten anzupassen, sondern umgekehrt auf die ihren eingehen. Es ist eine Chance für uns. Nutzen wir sie.

 

 

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