Gedachtes

Korrekturen in der Hundeerziehung

Das Thema dieses Beitrags ist möglicherweise ein wenig kontrovers. Es geht um Korrekturen (d.h. in diesem Fall ein Einwirken auf den Hund, das ein bestimmtes Verhalten unterbricht oder im Ansatz verhindert) in der Hundeerziehung. Erlaubt oder nicht erlaubt?

Meine Antwort auf diese Frage ist die folgende: Es kommt darauf an. Geht es um Konditionierung oder Kommunikation?

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Konditionierung bedeutet, dass ein vormals neutraler Reiz mit einem besetzten Reiz verknüpft wird. Wenn man seinem Hund etwas beibringen möchte, das er nicht von Natur aus beherrscht (z.B. sich auf ein bestimmtes Signal hinzusetzen), funktioniert das über Konditionierung. In diesem Fall ist jede Korrektur eine Korrektur zu viel! Bevor ich das weiter ausführe, möchte ich ein paar Begriffe klären.

Positve Verstärkung: Das erwünschte Verhalten wird durch Hinzufügen eines angenehmen Reizes bestärkt. Zum Beispiel gibst du deinem Hund ein Leckerchen, wenn er sich bei der Begrüßung hinsetzt, anstatt an dir hochzuspringen.

Negative Verstärkung: Das erwünschte Verhalten wird durch Wegnehmen eines unangenehmen Reizes bestärkt. Du siehst das Problem: Damit man diesen Reiz wegnehmen kann, muss er erst mal da sein. Siehe nächster Punkt.

Positive Strafe: Das unerwünschte Verhalten wird durch Hinzufügen eines unangenehmen Reizes bestraft. Zum Beispiel wirfst du einen Schlüsselbund neben deinen Hund, wenn er an dir hochspringt. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nett ist, sich zu erschrecken, bringt dieses Vorgehen weitere Probleme mit sich. Denn wer sagt, dass dein Hund die unangenehme Erfahrung wirklich mit dem Hochspringen verknüpft – und nicht etwa mit der Tasche, die du in der Hand hast, oder gar mit dir selbst?

Negative Strafe: Das unerwünschte Verhalten wird durch Wegnehmen/Vorenthalten eines angenehmen Reizes bestraft. Zum Beispiel entziehst du deinem Hund deine Aufmerksamkeit, wenn er an dir hochspringt.

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In entspannter, freundlicher Atmosphäre lernt es sich am besten.
Lernen sollte immer durch eine Kombination aus positiver Verstärkung und negativer Strafe stattfinden. („Negative Strafe“ hört sich natürlich erstmal „negativ“ an – das ist vermutlich der Grund, warum dieser Begriff so selten benutzt wird, während man „positive Verstärkung“ an jeder Ecke liest.) Nur dann kann dein Hund in entspannter Atmosphäre lernen, Selbstbewusstsein entwickeln und sich selbst in das Training einbringen. Jede Korrekturmaßnahme dämpft die Motivation des Hundes und ist langfristig kontraproduktiv. Eine Ausnahme kann ein „Falschsignal“ sein, eine konditionierte negative Strafe [1]. So wie man einen sekundären Verstärker (z.B. den Klicker) trainieren kann, kann man auch ein Signal für „falsch“ konditionieren. Nach diesem Signal gibt es dann eben keine Belohnung. Es ist wie das „Kalt“ beim Topfschlagen und zeigt dem Hund, dass er noch nicht auf dem richtigen Weg ist. Das kann selbstbewussten Hunden helfen, schwierige Tricks zu lernen, ist aber nicht notwendig. Mia kennt beispielsweise eines, Kalle nicht, da er sich zu schnell verunsichern lässt. Es ist ganz wichtig, dass dieses Signal vollkommen neutral gegeben wird, um nicht in den Bereich der positiven Strafe zu kommen.

Also: Im Allgemeinen keine Korrekturen, wenn es um das Erlernen neuer Verhaltensweisen geht.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Das Leben besteht nicht nur aus Konditionierung. Jedes intelligente Lebewesen kann konditioniert werden, Hunde aber verfügen zusätzlich über ein hochkomplexes Sozialverhalten. Und das kommt ohne Klicker aus! Jeder Hund weiß, was es bedeutet, wenn ein anderer ihn anknurrt. Hier habe ich schon mal einen Artikel über das Knurren und seine positiven Seiten geschrieben. Das Schöne ist, dass auch wir Menschen es nutzen können. Hunde erkennen Menschen als vollwertige Sozialpartner an – und wir können in ihrer eigenen Sprache mit ihnen kommunizieren. Die menschliche Entsprechung des Knurrens bezeichne ich hier als Abbruchsignal.

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Wichtig: Manchmal wird ein Signal, das über positive Strafe in Form von Schreckreizen trainiert wurde, ebenfalls als Abbruchsignal bezeichnet. Das meine ich hier nicht! Schreckreize haben in der Hundeerziehung nichts verloren. Warum ihre Anwendung keine gute Idee ist, erklären beispielsweise Julie und Bonnie in diesem Beitrag sehr gut.

Warum brauche ich ein Abbruchsignal?

Wir leben (leider) in einer Welt, die Hunde sehr einschränkt. Sie dürfen nicht jagen, ihr Revier nicht uneingeschränkt verteidigen, nicht die läufige Hündin des Nachbarn besuchen und nicht alles fressen, was ihnen unter die Nase kommt. Irgendwie müssen wir ihnen das verständlich machen. Und das geht am schönsten und einfachsten in ihrer eigenen Sprache. Natürlich kann man jedes Mal ein Alternativverhalten trainieren. Aber wenn man dein Hund jedes Mal, wenn er unerwünschtes Verhalten zeigt, ein alternatives Signal bekommt (Hier, Sitz, etc.), hat er nie die Chance zu lernen, was er eigentlich nicht machen soll. Im Gegenteil: Wurde das Signal wirklich rein über positive Verstärkung trainiert, wirkt es selbst als sekundärer Verstärker! [1] Dein Hund wird also das Verhalten, das er in diesem Moment zeigte, mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zeigen. Sofern die Belohnung attraktiv genug für ihn ist. Ist sie das nicht, ist er wohl eher genervt, weil du immer ausgerechnet dann rufst, wenn es gerade spannend wird…

Beispiel:

Jahrelang sprang Mia am Kaninchenzaun hoch und erschreckte die Kleinen dadurch. Jedes Mal ließ ich sie sitzen, um das zu verhindern. Gab ich das Kommando rechtzeitig, funktionierte es. War ich zu spät, sprang sie gegen den Zaun. Wenn sie saß, fand sie die Gesamtsituation ziemlich doof. Das teilte sie mir auch lautstark mit. Jahrelang war ich genervt von diesem Verhalten. Dann las ich „Wanja und die wilden Hunde“ von Maja Nowak [2]. Mir ging auf, dass ich ihr in all der Zeit kein einziges Mal mitgeteilt hatte, was ich eigentlich nicht möchte. Ich schob sie ein Mal körpersprachlich vom Zaun weg. Warnte sie noch zwei Mal mit einem Zischen, wenn sie sich wieder näherte. Seitdem ist dieses Thema erledigt. Das Schöne ist, dass ich ihr nicht vorschreibe, was sie tun muss („Sitz“). Es gibt eine bestimmte Sache, die sie aus gutem Grund nicht tun soll. Ansonsten kann sie machen, was sie möchte. Kein Frust, kein Gejammer mehr!

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Warum ein Zischen?

Einfach so. Deinem Hund ist das Geräusch vollkommen unwichtig. Da ich mittlerweile sehr vertraut mit meinen Hunden bin, benötige ich häufig gar kein Geräusch mehr. Ein Blick reicht aus. Am Anfang und in kritischen Situationen hilft ein Geräusch aber, sich zu fokussieren und die Aufmerksamkeit des Hundes auf sich zu lenken. Es sollte kein Wort sein, weil wir Wörter häufig leichtfertig gebrauchen und ins „Quasseln“ kommen. Ansonsten kannst du dir ein beliebiges Geräusch aussuchen. Ich verwende je nach Situation „Scht“, „Sssss“, „T-t-t“ oder Ähnliches.

Und was unterscheidet ein Abbruchsignal jetzt konkret von einem konditionierten Strafreiz?

Du. Auch ein Computer kann einen Hund konditionieren. Ein Abbruchsignal ist aber mehr als eine simple Reizverknüpfung. Dahinter stehst du mit deiner Überzeugung, deiner Körpersprache und Ausstrahlung. Dein Hund reagiert nicht darauf, weil er eine Strafe fürchtet, sondern weil du ihm glaubwürdig zeigst, dass er deinen Entscheidungen vertrauen kann. Das heißt, du musst selbst davon überzeugt sein, dass deine Entscheidung in diesem Moment richtig ist, und bereit sein, sie freundlich durchzusetzen. Beispielsweise durch Körpersprache oder mittels einer Schleppleine. Das Wichtige ist, dass du immer ruhig und liebevoll bist. Wirst du laut oder grob, wirkst du nicht kompetent. Du erkennst den Unterschied an der Körpersprache des Hundes: Während er auf Strafreize bzw. Zurechtweisung ängstlich beschwichtigend reagiert, bleibt seine Körperhaltung bei einem richtig gegebenen Abbruchsignal entspannt neutral.

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Gerade habe ich Futter geworfen und ihm durch einen Blick mitgeteilt, dass er nicht hinterherlaufen darf. Seine Körperhaltung bleibt aufrecht und locker.
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Zum Vergleich: Hier hat er sich gerade erschreckt, weil er gegen den Ast gestoßen ist und dieser sich bewegt hat. Seine Körpersprache ist ganz anders als oben: Er weicht zurück, dreht sich weg und duckt den Hinterkörper ab.
Weil man den Ablauf auf dem Bild natürlich nicht sieht, kannst du dir das (leider etwas verwackelte) Video vom Futter-Werfen auf Instagram anschauen. Die Leckerchen, die er nicht nimmt, habe ich durch einen Blick und Körpersprache zum Tabu erklärt. Kalle zeigt kein Beschwichtigungsverhalten. Würde ich Beschwichtigungssignale bemerken, wüsste ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.

Muss ich dafür eine Führungspersönlichkeit sein?

Nein. Das weiß ich, weil ich selbst kein besonders selbstsicherer Mensch bin. Ich kann es trotzdem. Und dann kannst du es schon lange. Natürlich schadet ein bisschen Selbstbewusstsein nicht. Aber wenn du überzeugt bist, dass das, was du erreichen möchtest, das Beste für deinen Hund ist, kommt das von alleine.

Beispiel:

Oben hatte ich das Anspringen erwähnt. Hier würde ich kein Abbruchsignal verwenden. Einfach weil mir der Anlass nicht wichtig genug ist. Zwar möchte ich keine schmutzige Kleidung haben – aber dann ist er doch so süß und freut sich so und eigentlich meine ich es gar nicht so ernst. Wen stören schon ein paar Pfotenabdrücke? Ich löse das Problem, indem ich mich direkt auf den Boden setze. Dann muss er mich gar nicht erst anspringen.

Also ist das so eine Art Wundermittel und alle Probleme erledigen sich von selbst?

Obwohl in Fernsehsendungen manchmal dieser Anschein erweckt wird, ist es wohl nicht überraschend, dass dem nicht so ist. Ein Hund mit starkem Jagdtrieb wird das Jagen nicht lassen, nur weil du ihm ein paar Mal mitteilst, dass er es nicht soll. Du wirst trotzdem trainieren müssen und aufmerksam bleiben, wenn du ihn von der Leine lässt. Instinkte und tief verankerte Gewohnheiten lassen sich nicht einfach abgewöhnen. Auch heute noch muss ich Kalle bei jedem Pferdeapfel von Neuem erklären, dass er nicht in den Mund gehört. Und wenn er einen Feldhasen sieht, bin ich froh, dass er an der Schleppleine ist.

Beispiel:

Eines von Kalles Hauptproblemen sind bekanntlich Hundebegegnungen. Durch ein sanftes „Sch“ im richtigen Moment und Bogenlaufen sind Begegnungen an der Leine kein Problem mehr. Der Bogen ist hier übrigens entscheidend: Kalle hat ein Recht auf den Abstand, den er braucht. Würde ich ihm das verwehren, könnte ich nicht erwarten, dass er meiner Entscheidung vertraut. Ist der Weg zu schmal, bringe ich ihn so weit wie möglich an den Rand und stelle mich vor ihn, um ihn zu schützen. Ist der andere Hund nicht angeleint, verbiete ich Kalle das Bellen/Knurren nicht, wenn ich nicht sicher bin, dass ich den anderen selbst fernhalten kann. Wenn ich den Ablauf der Begegnung bestimmen möchte, muss ich dafür sorgen, dass Kalles Bedürfnisse durch mein Handeln erfüllt werden.

So viel zu diesem Thema von meiner Seite. Neben meinen Erfahrungen stammt das eingeflossene Wissen aus diversen Büchern, die du teilweise unten und vollständig in der Literaturliste findest. Wie denkst du darüber?

 

Literatur

[1] Theby, Viviane: Die Hunde-Uni, Kynos, 2008

[2] Nowak, Maike Maja: Wanja und die wilden Hunde, Goldmann, 2012

[3] Löckenhoff, Ursula: Dogwalk, Kosmos, 2017

 

2 Comments

  • Franzi

    Hallo Nora!
    Deinen Blogbeitrag find ich super interessant! Ich liebe alle Themen, die sich um Hundeerziehung und Hundeverhalten drehen und freu mich schon so auf unser zweitägiges Seminar zum Thema „Führungstechniken“ morgen und übermorgen bei Mirjam Cordt 🙂
    Als Toni zu uns kam, machte er bereits Terz bei Hundebegegnungen und schnell wurde mir in meiner Hundeschule zur Wasserspritze geraten…eben wie du schreibst kein Abbruchsignal… Sicherlich hat diese beim Gassigehen schnell Wirkung gezeigt und fix war ein „Nein“ mit der Wasserspritze verknüpft. Gefühlsmäßig richtig getaugt hat mir diese Methode nie und sobald ich die Spritze auch wieder vermehrt nicht dabei hatte, ging das Theater weiter und die Verknüpfung mit dem „Nein“ ging auch wieder flöten.
    Dabei will ich doch, dass Toni auf MICH achtet und ohne Schreckreize akzeptiert, wenn ich ihm durch v.a. Körpersprache näherbringen will, dass jetzt einfach kein Hundekontakt möglich ist oder er nicht zu Pöbeln hat!
    An dieser ruhigen aber selbstbewussten Autorität übe ich gerade mit Toni und auch, wenn wir noch nicht am Ziel sind, gefällt mir es jetzt schon besser als dieses Wegducken und verschreckt Schauen, das durch die Wasserspritze konditioniert wurde..
    Bei Viviane Theby besuche ich übrigens auch bald einen Vortrag 🙂

    Liebe Grüße
    Franzi mit Toni

    • Schätersky und Frauchen

      Das freut mich. 🙂 Sehr schade, dass noch immer in so vielen Hundeschulen mit Schreckreizen gearbeitet wird. Aber ich finde es toll, dass du dann selbstständig beschlossen hast, es auf andere Art zu versuchen. Und wenn du so fleißig mit Seminaren und Vorträgen bist, kann es ja nur gut werden. 🙂 Viviane Theby lohnt sich auf jeden Fall, Mirjam Cordt kannte ich gar nicht, die google ich gleich mal.

      Liebe Grüße,
      Nora mit Mia und Kalle

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