Das Leben und so,  Staunend

Länger als geplant

„Ist die kleine Hündin da links am Zaun schon vermittelt?“, frage ich spontan. Eigentlich bin ich wegen einer anderen Hündin in dieses Tierheim gekommen. Irgendwie hatte es da aber nicht Klick gemacht. Stattdessen fällt sie mir auf. Selbstbewusste Fröhlichkeit auf kurzen Beinchen. Ich erfahre, dass sie Bella heißt, ein Jahr alt ist, ursprünglich aus Rumänien stammt und wegen Futterverteidigung und heftigen Beißereien mit dem anderen Hund der Familie ihr erstes Zuhause in Deutschland wieder verloren hat. Außerdem habe sie Jagdtrieb, könne aber bereits Sitz, Platz und Pfötchen und fahre gerne im Auto mit. Mehr weiß man nicht über sie. Angeblich ein Corgi-Mix, ist aber wohl mehr geraten. Niedlich ist sie ja. Nur irgendwie… länger als geplant. 

 

 

Geplant war eine neue Freundin für den einsamen Schätersky, neue Lebendigkeit und Fröhlichkeit für uns beide. Ich erwarte ja nicht, dass die Neue keine Probleme mitbringt, habe ich mir im Vorfeld gedacht. Sie sollte nur nicht die gleichen Probleme wie Kalle haben. Doch, doch, es gibt welche, die er nicht hat. Zum Beispiel, äh, … Futteraggression!

Klug

Dass sie nun nicht nur die Hauptkriterien bezüglich „Größe“ und Selbstbewusstsein erfüllt, sondern auch den einzigen Punkt der Liste akzeptabler Probleme mitbringt und gleichzeitig eine Landesgenossin Kalles ist, amüsiert mich irgendwie. Ich beschließe, einfach mal mit ihr spazieren zu gehen. Auch wenn ich eigentlich keinen langen Hund wollte. Sie läuft die ganze Zeit neben mir, schaut immer wieder zu mir hoch. Setzt sich neben mich, wenn ich stehen bleibe. Lässt Kalle seine Distanz und schafft es, nicht einmal von ihm angeknurrt zu werden. Als uns ein anderer Hund entgegen kommt und ich Kalle an den Wegrand setze, setzt sie sich von alleine daneben. „Die sind aber gut erzogen“, kommentiert ein Spaziergänger. Ich schaue Bella nachdenklich an. Sie schaut mit klugen Augen zurück. Siehst du nicht, wie toll ich bin, scheint dieser Blick zu sagen. Auf einer Wiese setze ich mich ins Gras. Wie gewohnt legt Kalle sich an meine Seite. Und diesmal liegt auf meiner anderen Seite auch ein Hund. Als wäre es immer so gewesen.

 

 

Sie hustet und läuft nicht normal in der Hüfte. Als ich die Tierschützer darauf anspreche, wird mir gesagt, man werde sie der Tierärztin des Vereins vorstellen. Man nimmt sich Zeit, meine Fragen zu beantworten. Sie hatte den anderen Hund der vorherigen Familie wohl immer in bestimmten Situationen angegriffen. Futter, Besuch, Begegnungen mit fremden Hunden. Es erscheint mir händelbar, sie wirkt so kooperativ.  Insgesamt habe ich ein gutes Gefühl. Allerdings treffe ich solche Entscheidungen nicht spontan.  Ich verspreche, mich am nächsten Tag wieder zu melden.

Entscheidung

Telefonat mit einer Mitarbeiterin des Tierschutzvereins am nächsten Tag. Ich frage nach den Ergebnissen des Tierarztbesuches. Der Husten werde behandelt und sie humpele nicht mehr, lautet die Antwort. Letzteres bezweifle ich. Ich müsse mich schnell entscheiden, meint die Tierschützerin, am nächsten Tag sei wieder Vermittlung. Nein, eine Reservierung sei nicht möglich, sie wollten die Tiere so schnell wie möglich vermitteln. Mein gutes Gefühl beginnt ein wenig zu schwinden.

 

 

Eine schlaflose Nacht später unterschreibe ich den Vertrag trotzdem. Ich stelle mir vor, wie jemand sie in der Vermittlung spontan mitnimmt, weil sie klein und niedlich ist. Sie nicht ernst nimmt, ihr nicht zu verstehen gibt, dass sie in bestimmten Situationen nicht entscheiden muss. Wie sie versucht, eine Position auszufüllen, der sie nicht gewachsen ist, wieder hysterisch wird. Und zum dritten Mal im Tierheim landet. Ich stelle mir auch vor, wie ich weitere Stunden auf Webseiten diverser Tierschutzvereine verbringe, den x-ten Fragebogen ausfülle und mich dafür rechtfertige, kein Haus zu besitzen und nicht rund um die Uhr Zeit für die Hunde zu haben. Und komme zu dem Schluss, dass ich uns beiden dieses Schicksal ersparen möchte. Mitnehmen kann ich sie wegen des Hustens noch nicht, darauf müssen wir noch ein paar Tage warten.

Fragebögen

Kurze Abschweifung an dieser Stelle. Fragebögen. In Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Interessentenanstürmen beliebtes Mittel der Tierschutzvereine, eine Vorauswahl zu treffen. So weit so gut. Merkwürdig finde häufig die Auswahl der Fragen. Haus, Eigentums- oder Mietwohnung, Quadratmeterzahl, wie lange muss der Hund maximal alleine bleiben. Und häufig war es das. Und ich frage mich: Ist das ausschlaggebend, um einen Hund glücklich zu machen? Warum fragt niemand, was ich alles mit den Hunden unternehme, wie viel ich mich mit Hundesprache, -verhalten und -gesundheit auseinandergesetzt habe, wie viele Bücher ich gelesen habe, wie viel Geduld und Humor ich habe, was ich füttere und ob ich den Hunden täglich die Zähne putze? Ich habe zwar auch einige detaillierte und im Großen und Ganzen sinnvolle Fragebögen ausgefüllt, bei vielen frage ich mich allerdings, ob diese Leute denn selbst eigentlich wissen, was ein Hund braucht.

 

 

Bellas Tierschutzverein ist erst der zweite, bei dem ich überhaupt einen persönlichen Termin habe. Und bei dem ersten erfuhr ich nach meiner Ankunft, dass es sich bei den angekündigten kleinen, freundlichen Hunden um Welpen handelte. Da sie gerade erst aus dem Ausland eingetroffen waren und nichts über ihre Herkunft bekannt war, konnte mir auch niemand sagen, ob sie klein und freundlich bleiben oder sich zu kälbergroßen, schutztriebigen Bodyguards entwickeln würden. Ich fuhr wieder, ohne sie mir angeschaut zu haben…

Willkommen, kleine Maus

Aber zurück zur eigentlichen Geschichte, denn endlich ist es so weit, ich hole die Plüschnudel ab. Die Spannung steigt, als wir die Wohnung betreten, in der Kalle wartet. Wie erwartet ist er nicht begeistert  über Konkurrenz im eigenen Revier. Um die Gemüter zu beruhigen, brechen wir sofort gemeinsam zu einem Spaziergang auf. Trotz der ungewohnten Situation und der nicht allzu herzlichen Begrüßung ist Bella gut drauf und neugierig auf alles, was da kommen mag. Nur die anschließende Dusche ist nicht nach ihrem Geschmack. Doch was sein muss, muss sein, denn sie riecht wirklich nicht gut und hat verklebtes Fell. Und es wird noch Tage brauchen, bis ich den ganzen Filz entfernt haben werde. Schließlich kehrt Ruhe ein, und beide Hunde schlafen friedlich. Willkommen, kleine Maus, denke ich.

 

 

In den nächsten Tagen erobert Bella sich ihr neues Leben, unsere Herzen und mein Bett. Anfangs versuche ich, sie wieder hinunter zu schicken. Versucht Kalle, sie durch Knurren von sich fernzuhalten. Doch sie ist hartnäckig. Bis ich lache. Bis Kalle mich nicht mehr diesem Blick anschaut, der „Mach das da weg!“ sagt, wenn sie ihm zu nahe kommt. Als die beiden zum ersten Mal wirklich miteinander spielen, scheint alles ein bisschen heller zu werden. Mittlerweile sind die Hunde ein Herz und eine Seele. Und Kalle spielt in wenigen Wochen mehr als in den vorherigen zehn Jahren seines Lebens zusammen.

Nicht blinzeln

Bella lernt schnell, begreift unsere Grundregeln sofort. Benimmt sich beim Füttern vorbildlich. Im Alltag kennt sie zwar nicht viel, ist aber aufgeschlossen gegenüber allem Neuen, möchte überall hin, hinauf, hinein. So anders als der ewig misstrauische Kalle. Wenn sie nicht weiß, was passieren wird, geht sie erstmal davon aus, dass es toll wird. Fällt sie irgendwo herunter, springt sie sofort wieder hoch. Jeden Fremden möchte sie kennen lernen. Mit der Zeit lernt sie, nicht immer direkt zu allen Menschen und Hunden hin zu rennen, um sie zu kontrollieren. Auch nicht höflich. 

 

 

Thema Kontrollieren. Kennst du die Doctor-Who-Folge „Nicht Blinzeln“? Die weinenden Engel sehen aus wie Statuen. Schaust du aber weg, oder blinzelst auch nur, werden sie lebendig – und kommen näher. So ist das Zusammenleben mit Bella. Wenn du hinsiehst, scheint sie tief und fest zu schlafen. Du schaust kurz weg, und wenn dein Blick zu ihr zurück kehrt, liegt sie noch immer mit geschlossenen Augen da – aber näher. Corgi oder nicht, ein Hütetier war auf jeden Fall unter ihren Ahnen. Sich entfernende Herdenmitglieder werden auch gerne sanft in die Fesseln gezwickt, und andere Hunde kommen häufig in den Genuss eines Hüteblicks, wie man ihn sonst vor allem von Bordercollies kennt.

Vergangenheit

Anders als bei Kalle merkt man Bella ihre Vergangenheit nicht an. Nur am Anfang, bevor sie mich richtig kennt, blitzt hier und da etwas durch. Als sie panisch aus dem Raum flüchtet, weil ich nach einer Mücke schlage. Als ich das erste Mal kurz schimpfe und sie schnappend nach vorne geht, und dann verblüfft wirkt, dass überhaupt nichts passiert. Und natürlich die Hüfte. Beim Röntgen wird ein alter, unverheilter Bruch festgestellt, vermutlich von einem Tritt. Ob man das jetzt noch operieren sollte oder nicht, darüber scheiden sich die Geister. Eine endgültige Entscheidung darüber ist noch nicht getroffen.

In der Zwischenzeit ist Bella putzmunter und fröhlich, wuselt und hütet sich durchs Leben und genießt es, uns beide in Nullkommanichts um die kleine Kralle gewickelt zu haben.

 

4 Kommentare

  • Rina

    Da scheint die Plüschnudel genau am richtigen Platz gelandet zu sein. Freut mich unbekannterweise sehr für euch alle. Fragebögen: gab es genauso auch schon vor Corona, mit den selben bekloppten Fragen nach Haus und Garten. Scheint aber sehr unterschiedlich eingesetzt zu werden, wir hatten dann im Gespräch einen wirklich sinnvollen und fruchtbaren Austausch mit der Vermittlerin, sie fand den Fragebogen selbst nicht mehr zeitgemäß, aber mal ein Ausgangspunkt.

    • Schätersky

      Wenn so ein Fragebogen nur als Ausgangspunkt für ein Gespräch genutzt wird, spricht ja nichts dagegen. Teilweise wurde mir aber gar nicht die Gelegenheit gegeben, mit jemandem zu reden, sondern alleine aufgrund des Fragebogens entschieden. Aber natürlich machen das nicht alle Vereine so, schön dass es bei euch anders war. 🙂 Und ich kann mich eigentlich auch nicht beschweren, denn letztlich hat ja Bella (also der allerbeste Hund der Welt 😉 ) zu uns gefunden.

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