Das Leben und so,  Gedachtes

Meine Hunde, mein Leben und ich

Es ist acht Uhr fünfzehn. Ich liege im Bett. Die Hunde neben mir in ihren Körbchen. Sie schlafen. Es ist acht Uhr fünfzehn und wir waren noch nicht draußen und die Welt ist nicht untergegangen. Und ich frage mich, wann sich eigentlich die Überzeugung bei mir eingeschlichen hat, die Hunde müssten jeden Morgen um Punkt acht raus.

Ich möchte alles richtig machen. Aber „richtig“ ist nur meine Vorstellung. Die Hunde haben wahrscheinlich eine ganz anderes Empfinden davon. Oder, noch wahrscheinlicher, gar keines. Weil sie einfach in den Tag hinein leben, sich keine Gedanken machen, die Dinge nehmen, wie sie kommen. Ich möchte mir ein Beispiel an ihnen nehmen.

Mehr Gelassenheit

Es sind Kleinigkeiten. Wenn ich nach Hause komme, schnappe ich mir nicht mehr sofort die Leinen und gehe mit den beiden spazieren. Ich setze mich kurz hin, trinke einen Kaffee, komme zur Ruhe, gehe gemütlich los. Die Hunde profitieren davon, dass ich entspannter bin. Auf die zehn Minuten, die sie noch warten müssen, kommt es ihnen überhaupt nicht an.

Ich mache mir weniger Stress wegen der Länge der Spaziergänge. Ändere die Zeit, die ich mindestens mit den Hunden (bzw. mit Kalle, bei Mia achte ich darauf, dass sie Ruhetage mit kürzeren Spaziergängen hat) draußen verbringe, von 2×60  auf 120 +/- 10 Minuten. Die Hunde schauen ja nicht auf die Uhr. Und wie erwähnt, bin ich auch mit den Zeiten lockerer. Ich schaffe es einfach nicht mehr, mich täglich an acht Uhr morgens und fünfzehn Uhr nachmittags zu halten. Ich gehe dann, wenn ich Zeit habe. Bisher gab es keine Beschwerden. Nur die Zeit des Abendessens muss strikt eingehalten werden. Da lassen die Hunde nicht mit sich reden.

Vom schlechten Gewissen

Woran liegt es eigentlich, dass ich mir bislang so viel Stress mit diesen Dingen gemacht habe? Vermutlich an meinem schlechten Gewissen, an der Sorge, den Hunden nicht gerecht zu werden. Vor allem Kalle, der doch etwas höhere Ansprüche an seinen Menschen stellt, nicht das optimale Leben bieten zu können.

Nach dem, was ich von anderen mitbekommen habe (z.B. bei Heidi von Kommst du hierher oder Kerstin  von Flummi’s diary), denke ich, dass ich keinen Hund aus dem Tierheim bekommen hätte. Studentin, alleine lebend, Wohnung statt Haus mit Garten, nicht übermäßig viel Zeit und keine Pläne, die über die nächste Zukunft hinaus gehen. Und trotzdem habe ich nicht nur einen, sondern gleich zwei Hunde. Einer davon alt, der andere unsicher, ängstlich und leicht gestresst. Beide müssen sich auf mein Leben einstellen, mit Veränderungen umgehen. Alleine bleiben oder mich ins Büro begleiten. Was für Kalle, da mache ich mir nichts vor, durchaus etwas Stress bedeutet. Und zwei Hunde kann ich nicht mitnehmen, dafür ist das Büro, das wir uns zu dritt (+Kalle) teilen, einfach zu klein. Und für ein Körbchen ist erst recht kein Platz, der harte Boden selbst mit Decke kaum geeignet für alte Hundeknochen. Das heißt, Mia bleibt alleine zu Hause. Sie hat damit, im Gegensatz zu Kalle, keine Probleme. Aber mein schlechtes Gewissen…

Stichwort Stress. Der arme Hund hat häufig Stress. Es lässt sich einfach nicht vermeiden. Neue Situationen, fremde Menschen, Tiere, Fahrzeuge, Geräusche, das alles verunsichert Kalle. Das alles gehört aber auch zu meinem Leben. Und wenn er ein Teil davon sein möchte, müssen wir diesen Stress in Kauf nehmen. Die Alternative wäre, ihn komplett abzuschirmen, nirgendwo mit hin zu nehmen. Dann wäre er ständig alleine. Ein Hund, der wahnsinnig menschenbezogen ist, sich häufig so nahe wie möglich bei mir aufhält, Zuwendung braucht wir die Luft zum Atmen. Oder aber, ich könnte selbst das Haus kaum noch verlassen. Natürlich keine Möglichkeit, schließlich muss irgendwer den Pansen verdienen.

Neulich. Mittagspause. Ich gehe eine Runde mit Kalle. Wir setzen uns auf einen Stein. Teilen mein belegtes Brot. Ich denke, dass das hier so ist, wie ich es mir immer gewünscht habe. Mein Hund mein Begleiter und bester Kumpel. Nur, dass der Hund hechelt vor Aufregung. Vorhin an der stark befahrenen Straße gezittert hat. Und ich einfach nicht weiß, ob ich ihm nicht zu viel zumute. Nicht zu sehr an meiner Vorstellung vom Leben mit Hund festhalte, von ihm verlange zu sein, was er nicht ist. Vielleicht akzeptieren sollte, dass er nicht diese Art von Hund ist. Und mich wieder frage, ob es eine Alternative gibt.

Akzeptieren oder ändern?

Gleichzeitig bin ich unheimlich stolz auf ihn. Dann er macht das alles großartig. Wenn ich ihn heute mit dem vergleiche, was er vor einigen Jahren war, wird mir erst bewusst, welche Fortschritte er gemacht hat. Ein Hund, der früher Panik bekam und vor Angst unter sich gemacht hat, wenn er einen Menschen auch nur gesehen hat, geht heute auf fremde Männer zu, um sie zu beschnuppern. Ein Hund, der früher ständig auf der Flucht war und lieber alleine durchs Unterholz lief als mit mir auf dem Weg, folgt mir heute ohne Zögern überall hin. Ein Hund, der früher ständig in Alarmbereitschaft war, schläft heute seelenruhig an meinem Arbeitsplatz.

Der Grat zwischen Akzeptanz und Resignation, zwischen Annehmen und Aufgeben ist manchmal schmal. Die Frage, wie weit ich ihn fordern und fördern kann und was ich als Teil seiner selbst hinnehmen muss, nicht immer leicht zu beantworten. Wie weit kann ich erwarten, dass er sich meinem Leben anpasst? Wie weit muss ich mein Leben an ihn anpassen?

Irgendwo zwischen Hunden und Forschung

Muss ich bei jedem Donnergrollen nach Hause, weil Kalle sich alleine bei Gewitter fürchtet? Kann ich es? Darf ich Dinge mit ihm unternehmen, auch wenn ich vorher nicht weiß, wie viel Stress er haben wird? Darf ich Dinge ohne ihn unternehmen? Darf ich ohne die Hunde weg fahren?

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich ohne die beiden auf Konferenzen fahre. Ich bin nicht gerne ohne sie. Aber Konferenzen gehören zur Forschung dazu. Eines Tages wird es wahrscheinlich nötig sein, dass ich mich den Hunden und der Physik entscheide. Natürlich für die Hunde. Aber noch nicht jetzt. Solange ich noch beides vereinbaren kann, werde ich das tun. Ich habe das große Glück, dass mein Umfeld Verständnis dafür hat, dass ich mich um die Hunde kümmern muss. Trotzdem gibt es Grenzen.

Ich kann und möchte nicht mein ganzes Leben nach den Hunden ausrichten. Ich habe nur eines, und es wäre ein Jammer, dieses nicht voll zu nutzen. Um zu lernen, zu forschen und neue Orte zu sehen. Auch solche, die man nur mit Flugzeug erreichen kann. Aber auch, um mit den Hunden durch Wälder zu streifen, Spuren zu suchen und Baumstämme zu erklimmen. Um Tage mit den Hunden kuschelnd auf dem Sofa zu verbringen. Und Tage mit Wissenschaftlern diskutierend an Universitäten. Um von morgens bis abends am Schreibtisch zu sitzen. Um von morgens bis abends in der Sonne zu liegen. Ich möchte alles. Das ist nicht besonders realistisch. Ich bin zu Kompromissen bereit. Und doch, im Grunde möchte ich alles.

Manchmal denke ich, dass andere Leute ihren Hunden ein besseres Leben bieten können als ich meinen. Eines mit weniger Kompromissen, mit weniger Notwendigkeit der Anpassung. Aber dann denke ich, dass meine Hunde kein perfektes Leben haben. Dafür aber etwas anderes: Mich. Und wenn ich in ihre Augen schaue, wie sie mich ansehen, glaube ich fast, dass das genug ist.

2 Kommentare

  • Kerstin mit Buddy und Amber

    Viel zu lang nicht mehr von dir gelesen – warum eigentlich? Irgendwie bist du mir aus den Abos verschwunden und seitdem kriege ich nichts mehr mit.
    Was ich aber sagen will – macht das nicht ein tolles Leben aus? Von allem etwas aber so gut es geht? Ich bin mir sicher, deine beiden haben genau das bei und mit dir! Liebe Grüße von uns.

    • Kalle

      Solange wir noch alle bei wordpress.com waren, war das irgendwie einfacher, da hat man durch den Reader immer alles mitbekommen. 🙂 Könnte aber auch daran liegen, dass ich in letzter Zeit nicht besonders viel Zeit hatte und deshalb kaum zum Schreiben oder Kommentieren auf anderen Blogs gekommen bin.
      Das hoffe ich auch. Und die beiden finden, dass „von allem etwas“ definitiv ein tolles Leben ausmacht – vor allem, was das Essen betrifft. 😉
      Liebe Grüße!

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