Gedachtes

Nun sag, wie hast du’s mit dem Barfen?

Es gibt Fragen im Leben, die einen vor schwerwiegende ethische Konflikte stellen. Jede der Möglichkeiten ist falsch, keine frei von Schuld. Man muss diejenige wählen, die man für die vertretbarste hält, und mit den Konsequenzen leben. Ein inneres Dilemma, aus dem es keinen Ausweg gibt. Eine dieser Fragen ist:

Wie füttere ich meine Hunde?

„Barf!“, wird nun gleich irgendjemand schreien. Für einige ist das die einzig vertretbare Fütterungsform. Für mich nicht.

Das Dilemma entsteht dadurch, dass sich die Interessen verschiedener Gruppen gegenüber stehen. Einerseits sind da die Hunde, die ein Recht auf gesunde Ernährung haben. Andererseits sind da die sogenannten Nutztiere, die ich nicht als solche bezeichnen möchte. Denn sie auf ihren „Nutzen“ zu reduzieren, wird ihnen in keinster Weise gerecht. Jeder, der schon mal das Glück hatte, Freundschaft mit einem Schwein oder einer Kuh zu schließen, wird bestätigen, dass sie Individuen sind, die Charakter und Gefühle haben. Und sie haben ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Wenn Hunde von Vermehrern in engen Käfigen gehalten werden, sorgt das berechtigterweise für viel Empörung. Dieselben Menschen, die sich darüber aufregen, akzeptieren es allerdings als selbstverständlich, dass „Nutztiere“ auf genau die gleiche Art gehalten werden. Das kann ich nicht verstehen.

 

Ich möchte nicht mit Pferd barfen.

 

Tiere fühlen

Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten: Tiere fühlen. Oder sie fühlen nicht. Würde Letzteres zutreffen, bräuchten wir kein Tierschutzgesetz, wir müssten keinerlei Rücksicht nehmen. Trifft jedoch Ersteres zu: Warum sollten dann die Gefühle eines Schweins, einer Kuh oder eines Huhns weniger wert sein als die eines Hundes oder einer Katze?

Mittlerweile hat die Wissenschaft eine recht eindeutige Antwort auf diese Frage. Tiere fühlen [1,2]. Außerdem: Schau mal kurz auf deinen Hund. Kannst du dir vorstellen, dass er nicht fühlt?

Hunde fressen Fleisch. Das liegt in ihrer Natur. Und damit habe ich auch kein Problem. Wenn meine Hunde Mäuse jagen und fressen, finde ich daran nichts moralisch Falsches. Allerdings besteht die Gefahr der Übertragung von Krankheiten oder Würmern. Und natürlich können wir nicht den gesamten Fleischbedarf der Hunde durch Mäuse decken. Andere Tiere zu jagen steht selbstverständlich außer Frage.

Die Maus hatte ein freies Leben. Es bestand immer die Gefahr, dass sie getötet wird. Genauso wie die Möglichkeit, dass sie überlebt. Ein „Nutztier“ wird zu einem einzigen Zweck geboren: zu produzieren. Wenn es Glück hat, sieht es mal das Tageslicht und eine Wiese. Ansonsten fristet es es ein trostloses, eingesperrtes Dasein. Menschen, die es nur als Profitquelle sehen, bestimmen jedes Detail seines Lebens, einschließlich des Zeitpunktes seines frühzeitigen Todes. Es ist nicht richtig.

Vielleicht wäre es anders, wenn ich selbst die Verantwortung für die Tiere trüge. Ihre Geburt erleben, sie aufwachsen sehen, mich ein Leben lang um sie kümmern, für sie sorgen würde. Sie respektvoll behandeln würde. Und schließlich selbst töten würde,  damit wir sie essen. Ob ich das könnte, ist fraglich. Sicher ist jedoch, dass ich es nicht möchte. Ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, einen Bauernhof zu betreiben. Ich möchte lernen, wissen, forschen. Das ist es, was ich gut kann und was mir Freude macht.

 

Ich möchte kein Kalb verfüttern.

 

Reine Fleischfresser?

Immer wieder lese ich, Hunde seien reine Fleischfresser wie Wölfe. Damit wird für eine rein fleischliche Ernährung (ggf mit geringem Gemüseanteil) geworben. Schon für Wölfe ist das schlicht und ergreifend falsch. Kurt Kotschral schreibt dazu: „Wölfe ernähren sich zumindest zeitweise vorwiegend pflanzlich, sofern sie dazu Gelegenheit haben. Im Herbst etwa sind sie so sehr auf süßes Obst versessen, dass sie wochenlang davon leben können.“ [3] Bei meinen Hunden ist das übrigens ganz genau so. Natürlich füttere ich sie trotzdem, aber besonders Kalle kann Unmengen an Fallobst verdrücken.

Und außerdem sind Hunde keine Wölfe. Ihr Verdauungssystem hat sich über Jahrhunderte an die Ernährung durch den Menschen angepasst. Beispielsweise verdauen Hunde Knochen viel schlechter, als Wölfe es tun [3]. Vor den Zeiten der Massentierhaltung hatte man nicht jeden Tag Fleisch zur Verfügung. Schon gar nicht Fleisch übrig, um es den Hunden abzugeben. Der älteste erhaltene „Ratgeber zur Hundehaltung“ wurde, soweit ich weiß, zwischen 1406 und 1413 von einem gewissen Edward of Norwich geschrieben und ist ein Teil des Buches „The Master of Game“, das ein Ratgeber zur Jagd und allem, was dazu gehört, ist. Sicher wurden die Hunde nach der Jagd mit Fleischabfällen gefüttert. Sicher fand das aber nicht jeden Tag statt. Edward of Norwich empfiehlt eine Ernährung mit Brot in Milch für Welpen, Brot in Fleischbrühe für heranwachsende Hunde und die Gewöhnung an trockenes Brot, sobald die Hunde erwachsen wurden [4]. Es ist davon auszugehen, dass Ernährung mit Getreide über einen relevant langen Zeitraum absolut üblich war. Wenn keine Unverträglichkeiten vorliegen, spricht deshalb meiner Meinung nach nichts gegen einen eher hohen Getreideanteil im Futter.

 

Nach erfolgreicher Birnenjagd wird die Beute nach Hause getragen.

 

Ethische Konzepte sind sehr komplex und sicher gibt es Menschen, die zu anderen Schlüssen gelangen als ich. Meine persönliche Auffassung ist: Tiere als „Nutztiere“ zu halten, ist falsch. Zumindest in der Form, wie wir das tun. Gleichzeitig kann ich aber nicht sicher sein, dass eine rein pflanzliche Ernährung meinen Hunden nicht schaden würde.

Der Konflikt

Vielleicht kannst du nun den Konflikt, in dem ich mich befinde, ein bisschen nachvollziehen. Um meine Hunde vertretbar zu ernähren, muss ich folgende Punkte berücksichtigen:

  • Die Ernährung muss für die Hunde so gesund wie möglich sein. So frisch wie möglich, abwechslungsreich, das gesamte Nahrungsspektrum abdeckend.
  • Das Leid, das an anderen Tieren verursacht wird, muss minimiert werden. Das heißt so wenig Fleisch wie möglich, ohne Punkt eins zu verletzen. Es darf nicht aus konventioneller Massentierhaltung stammen, das heißt tierische Produkte werden nur in Bio-Qualität gekauft.
  • Das Füttern von Fisch ist dank Überfischung nahezu ausgeschlossen. Fisch aus nachhaltigen Quellen gibt es heute so gut wie überhaupt nicht mehr.
  • Der anfallende Verpackungsmüll muss minimiert werden. Kunststoff landet in Meeren und bringt empfindliche biologische Systeme aus dem Gleichgewicht. Auch das verursacht Leid. Dieser Punkt schließt insbesondere eine Ernährung aus Dosen aus.
  • Der verursachte CO2-Ausstoß muss minimiert werden. Die Klimaerwärmung führt zu einem Ausmaß an menschlichem und tierischem Leid, das noch gar nicht abzuschätzen ist. Dies betrifft Transportwege, vor allem aber auch Kühlung. Das Einfrieren kostet große Mengen an Energie. Aus diesem Grund, wegen der Schwierigkeit der Lieferung (es gibt keinen Anbieter in der Nähe, ich müsste bestellen, bin tagsüber häufig nicht zuhause und kann nicht von den Nachbarn erwarten, dass sie kiloweise Pansen in ihrer Kühltruhe aufbewahren) und des Mülls fällt der Erwerb von tiefgefrorenem Fleisch weg.
  • Die Hunde bekommen Futter nur gegen Arbeit. Dadurch sind sie ausgeglichener, zufriedener und ruhiger. Das Futter muss eine Form haben, sodass es zum Training und für Suchspiele etc. verwendet werden kann.
  • Das Ganze muss bezüglich des zeitlichen und finanziellen Aufwands im Rahmen bleiben.

Kurz gesagt, es ist unmöglich, alle Punkte zufriedenstellend zu erfüllen. 

 

Lamm möchte ich auch nicht verfüttern.

 

Der Kompromiss

Nach längeren Diskussionen mit mir selbst habe ich schließlich zu folgendem Kompromiss gefunden: Die Hunde bekommen Bio-Nassfutter in Wurstform (einiges an Müll, aber weniger als bei Dosen), Bio-Trockenfutter wechselnder Anbieter, teilweise vegan, teilweise fleisch- oder insektenhaltig (hier schreien natürlich die Barfer, dass Trockenfutter lebensbedrohlich und vegan tierschutzwidrig sei), Kartoffeln, Nudeln, Hirse und Ähnliches, Gemüse mit Öl und Kräutern. Außerdem getrocknete Knabbereien aus dem örtlichen Tierbedarfsgeschäft (wenig Müll, da lose erhältlich, dafür aus konventioneller Tierhaltung. Bio ist bei diesen Produkten einfach nicht bezahlbar. Ich tröste mich damit, dass kein Rind wegen seiner Kopfhaut und kein Huhn wegen seiner Füße getötet wird. Das sind Abfälle, die ohnehin anfallen.)

Ich kann nicht sagen, dass ich damit glücklich bin. Wenn man den „Hardcore-Barfern“ glaubt, bin ich eine schlechte Hundehalterin, die ihre Schützlinge falsch ernährt. Wenn man den „Hardcore-Veganern“ glaubt, bin ich egoistisch nur auf das Wohl meiner eigenen Tiere bedacht und schade damit anderen.

Damit muss ich wohl leben. Meine Hunde stammen aus dem Tierschutz, sie wurden nicht wegen mir geboren. Irgendwo hätten sie ohnehin gefressen. Weniger gesund vermutlich. Mit weniger Rücksicht auf andere vermutlich auch.

Und wenn ich sie heute Abend füttere, werden sie strahlen und wedeln und hüpfen. Sie werden glücklich sein, Essen zu haben. Wie jeden Tag aufs Neue.

 

Literatur:

[1] z.B. Jaak Panksepp: Affective consciousness: Core emotional feelings in animals and humans“, Consciousness and Cognition Volume 14, Issue 1, March 2005, Pages 30-80, und Referenzen darin.

[2] Marc Bekoff: „The emotional lives of animals“, New World Library, 2007, und Referenzen darin

[3] Kurt Kotschral: „Wolf – Hund – Mensch“, Piper Verlag, Juni 2014

[4] Edward of Norwich: „The Master of Game“, geschrieben 1406-1413, editiert von  Baillie-Grohman, William Adolph, Chatto & Windus, 1909

 

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