Das Leben und so,  Gedachtes

Nur ein bisschen angenagt

Dieser Beitrag sollte eigentlich vom Zusammenleben mit altem Hund berichten. Dann fing ich an zu schreiben, und das Ergebnis war am Ende anders als geplant. Lange habe ich gezögert, ihn überhaupt zu veröffentlichen. Doch dann dachte ich: Was soll’s…

Sie schläft viel, und sie schläft fest. Komme ich nach Hause, bemerkt sie es nicht. Sie wacht auch tagsüber selten auf. Manchmal kann ich den Impuls nicht unterdrücken, zu ihr zu gehen und zu kontrollieren, dass sie noch atmet. Die Angst, dass sie irgendwann nicht mehr bei uns sein wird, wird immer präsenter. Dabei geht es ihr gut. Okay, ihr Gehör funktioniert nicht mehr so wirklich. Die Augen sind auch etwas trüb. Die Gelenke ein wenig steif, die Knochen müde. Das Laufen wird schnell anstrengend. Die Zähne sind nicht mehr so gut. Die Schnauze ist weiß. Die eine oder andere Warze zeigt sich. Aber ansonsten geht es ihr echt gut. Sie ist gesund. Nur ein bisschen angenagt vom Zahn der Zeit.

Mia ist nun über vierzehn Jahre alt. Lange habe ich mich geweigert, sie als alten Hund zu bezeichnen. Aber so langsam muss ich den Tatsachen ins Auge sehen: Sie ist alt. Das Traurige am Zusammenleben mit Hunden ist, dass sie so viel schneller altern als wir. Das zwingt uns, uns mit dem Thema Alter und Tod auseinanderzusetzen. Früher, als uns vermutlich lieb ist.

 

Um einen wehrlose Schätersky zu ärgern, ist man allerdings nie zu alt.

 

Die Zeit vergeht viel zu schnell. Dieser Satz ist so abgedroschen wie wahr. Und das kommt uns vermutlich häufig deshalb so vor, weil wir das Vergehen der Zeit nicht bewusst genug wahrnehmen. Mein Studium ist so nahtlos in die Promotion übergegangen, dass ich es kaum bemerkte, aber ich bin nun tatsächlich keine Studentin (im engeren Sinne) mehr. Dieser Teil meines Lebens ist vorüber. Aus Sicht der meisten Menschen bin ich noch relativ jung. Trotzdem, mal ehrlich: Ich bin jetzt 25, in nullter Näherung ist das 30, und das ist für mich uralt! Aus diesem Grund fand ich meinen letzten Geburtstag schon ein bisschen beängstigend.

Wie viele Geburtstage wird Mia noch erleben? Einen, zwei, drei? Oder am Ende keinen? 

Natürlich weiß das keiner. Und natürlich ist das auch gut so. Und natürlich interessiert es sie auch überhaupt nicht. Das können wir von Hunden lernen. Wenn ich irgendwann mal alt bin, möchte ich mit dem Alter genau so umgehen wie Mia. Nämlich ganz selbstverständlich. Ohne Gedanken an die Zukunft, ohne Grübeln darüber, wie viel Zeit man noch hat. Ohne Bedauern über das, was war und nicht mehr ist. Wenn wir Schwalben im Tiefflug über die Felder sausen sehen, denke ich an den Junghund Mia, der mit unermüdlicher Energie hinter ihnen her jagte. Ich weiß nicht, woran sie denkt, aber wehmütig sieht sie bei diesem Anblick nicht aus. Eher mild interessiert bis gleichgültig. Dass sie nicht mehr so schnell ist wie früher, scheint sie nicht im Geringsten zu stören. Sie nimmt sich einfach die Zeit, die sie braucht und möchte.

 

So lange her…

 

Den Augenblick genießen. Auch diese Formulierung höre und lese ich so häufig, dass sie mir etwas abgedroschen vorkommt. Trotzdem ist es genau das, was ich versuche zu tun. Jeden Moment, den ich mit den beiden Hunden habe. Vielleicht werden es noch viele mehr sein (Momente, nicht Hunde – obwohl…), vielleicht auch nicht. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, dass ich sie bewusst lebe. Denn egal in welchem Alter: Es kann immer plötzlich vorbei sein.

Neulich dachte ich kurz, das könnte es nun tatsächlich. Der Grund waren Wurststücke, die unter einem Ball, den Kalle unterwegs gefunden hatte, versteckt gewesen waren. Und von denen er eines gefressen hat. Mir fiel kein guter und harmloser Grund ein, weshalb jemand Wurst unter einem Ball verstecken und dann liegen lassen sollte. Also schnell zum Tierarzt, Erbrechen herbeiführen. Aufatmen, nichts passiert. Ob die Wurst wirklich vergiftet war, werde ich nie erfahren. Trotzdem war der Schreck groß. Alleine die Vorstellung, Kalle zu verlieren, fühlt sich an, als würde ich innerlich ersticken.

 

Kleiner.

 

Wie vermutlich die meisten Menschen verdränge ich den Gedanken an die Sterblichkeit der Hunde (und meine eigene) einen Großteil der Zeit. Trotzdem sind Mias Alterserscheinungen so deutlich, dass ich sie nicht übersehen oder vergessen kann. Ich kann nicht sagen, dass ich mit Alter und Tod versöhnt wäre. Im Gegenteil, ich halte beides für eine große Schweinerei, und die Tatsache, dass ich nichts, aber auch gar nichts dagegen unternehmen kann, regt mich furchtbar auf. Ein riesiges schwarzes Loch an den Rändern meines Bewusstseins, von dem mich fernhalte, um nicht hinein zu fallen. Nur hin und wieder wage ich mich, gesichert durch die stabile Rationalität geschriebener Worte, gelehnt an warme, verlässlich atmende Hundekörper, in seine Nähe. Denn Verdrängung ist vielleicht notwendig, doch mitunter habe ich das Gefühl, ich müsste zulassen, mir dieser Dinge bewusst zu werden. Um nicht eines Tages von der Zukunft überrumpelt zu werden.

Und doch ist die Gegenwart jetzt, und wir sind hier und lebendig und zusammen, und für den Moment ist das alles, was zählt.

 

 

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