Schätersky erzählt

Seltsames

Frauchens Stimme reißt mich aus meinem Schlummer: „Hallo.“ Das ist eines unserer Codewörter. Es bedeutet: Fremde auf unserem Revier. Sofort bin ich hellwach. Alarmbellen und gesträubtes Fell. Ich schieße in den Flur, komme schlitternd zum Stehen und schaue mich hektisch um. Wo ist der Eindringling? Frauchen sieht mich stirnrunzelnd an und bedeutet mir, still zu sein. „Entschuldigung, der Hund hat gerade irgendetwas gehört.“ Offenbar spricht sie nicht mit mir. Mittlerweile habe ich die Luft geprüft und bin mir sicher, dass sonst niemand da ist. Ist Frauchen verrückt geworden? Sie redet mit dem Plastik-und-Metall-Ding in ihrer Hand! Verwirrt knurre ich und lehne mich an ihr Bein. Dann antwortet das Ding. Seine Stimme klingt menschlich, aber nicht ganz. Äußerst verwirrend das Ganze. Ich schaue zu Frauchen auf, die beruhigend lächelt. Es scheint keine Gefahr zu bestehen. Ratlos gehe ich wieder schlafen.

IMG_20171216_124658[1]

Frauchen tut seltsame Dinge. Einen großen Teil ihrer Zeit verbringt sie mit etwas, das sie „Lernen“ nennt. Dabei starrt sie auf platte Dinger, die entfernt nach Holz riechen, aber doch nicht ganz. Da ich selbst gerne lerne, habe ich das mal ausprobiert. Ich habe so lange und intensiv gestarrt, wie ich konnte. Und habe ich etwas gelernt? Nicht die Bohne! Trotz der offensichtlichen Aussichtslosigkeit lässt sie sich nicht von ihren Lernversuchen abbringen und starrt unermüdlich weiter. Mir ist das ganz recht, denn dabei hat sie die Hände frei! Das bedeutet, sie kann meinen Bauch kraulen. Nebeneinander auf dem Sofa liegen und schmusen, gibt es etwas Schöneres?

IMG_20170525_124245[1]

Na ja, eine Sache gibt es, die mindestens genauso schön ist: Essen. Und dabei ist Frauchen erst recht seltsam. Rinderkopfhaut, Kamelpansen und Hühnerfüße werden von ihr genauso verschmäht wie Pferdeäpfel und verweste Regenwürmer (meine persönlichen Lieblingsspeisen). Sie rührt tatsächlich keine Art von Fleisch an. Aus ethischen Gründen, sagt sie.1 Stattdessen isst sie so merkwürdige Dinge wie Tofu und Seitan. (Einmal hat sie mir etwas davon angeboten. Es erinnerte mich an die Gummimatte, die ich in meiner Jugend einmal halb verspeist habe…) Ich sehe es positiv: Sie macht mir nie mein Futter streitig!

Was ich ganz und gar nicht positiv sehe, ist ihre Vorliebe für unappetitliche Gerüche. Einmal habe ich mich an ihr nacktes Bein gelehnt (meine Klientin kann ihr Fell ablegen – eine weitere Merkwürdigkeit) und genoss die kraulende Hand an meinem Ohr. Dann nahm ich den Geruch wahr. Sie hatte übelriechende Schmiere auf ihren Beinen verteilt! (Frangipani-Duft, sagt sie. Keine Ahnung, was das ist, aber es klingt giftig.) Ihr könnt euch mein Gesicht vorstellen, als ich merkte, dass ich das Zeug nun ebenfalls an meinem Fell hatte. Menschen können so eklig sein…

IMG_20170726_095802[1]

Und sonst? Es gäbe noch viel Seltsames zu berichten. Wie sie lärmend mit dem Rüssel-Ding durch die Zimmer zieht. Wie sie zu ihrem Vergnügen Futter in das Gummi-mit-Loch-Ding stopft, sodass ich mich dann abmühen muss, um es wieder heraus zu bekommen. Wie sie… eben alle diese unsinnigen Menschen-Dinge tut, die kein vernünftiger Hund je tun würde. Aber lassen wir das. Wir wollen sie ja nicht zu sehr in Verlegenheit bringen.

IMG_20171014_143135[1]

1Tische können bei der Nahrungsbeschaffung ein ernstes Problem darstellen. Während Essbares auf dem Sofatisch noch recht gut zu erreichen ist, sieht das beim Küchentisch schon anders aus. Und dieser Etisch muss wirklich ungeheuer hoch sein, wenn sogar Frauchen ihn nicht überwinden kann…

4 Comments

  • Isabella

    vielen Dank für diesen tollen Beitrag … ich hätte nur keinen Kaffee beim Lesen tinken sollen 🙂 Besonders das Verschmähen der echten Leckerbissen ist hier auch immer ein Thema – da will Hund schon mal die gefundene und halbverweste Maus teilen … und das Fruachen wil ldas Ding nicht un verbietet einem auch davon zu kosten!

    Nur die komischen Düfte der Menschen – die werden hier recht geteilt gesehen. Es gibt gute Menschendüfte und echt schlechte. Eingecremte Hände gehören zu den guten Gerüchen und die Creme wohl zu den leckeren Sachen – das gilt auch für den Geruch, den Menschen bekommen, wenn sie Fleisch in der Pfanne gebraten haben. Parfüm ist ein Ekel-Geruch und sollte wohl verboten werden … bei manchen Parfüms muss Cara sogar niesen 😉

    Wunderbar geschrieben!

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

    • Schätersky und Frauchen

      Danke. 🙂 Bei uns kommt es auch auf die Sorte des Menschengeruchs an. Kokos zum Beispiel ist sehr beliebt. Da muss ich immer meine Hände in Sicherheit bringen, sonst werden sie gründlich „sauber“ geschleckt. 😉

      Liebe Grüße,
      Nora mit Mia und Kalle

  • Socke- nHalterin

    Wie gerne würde ich einen Tag in Sockes Haut stecken, um zu wissen, ob unsere Fellnasen wirklich so denken oder, ob sie unser Leben als normal ansehen… Wahrscheinlich können sie sich diese Gedanken gar nicht machen. Aber wer weiß das schon. Das Rüsselding wird hier auch schon mal angegriffen, aber nur zur Schau. Socke weicht dann doch lieber aus.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere