Gedachtes

Sicher durch den Meinungsirrgarten

Verschiedene Meinungen sind gut. Wäre ja langweilig, wenn immer alle der gleichen Meinung wären. Manchmal sind sie aber auch verwirrend. Bei der Menge an Informationen, die ständig auf uns einströmen, ist es nicht immer einfach, sinnvoll von sinnlos, richtig von falsch zu unterscheiden. Die einen behaupten das, die anderen jenes, und wir müssen entscheiden, was wir glauben. Um diese Entscheidung zu erleichtern, habe ich ein paar Kriterien aufgestellt, um Texte einzuschätzen und zu beurteilen. Sie sind mir eine Hilfe und euch möglicherweise auch. Da dies hier ein Hundeblog ist, geht es mir natürlich vorwiegend um Texte, die unsere Hunde betreffen. Die Kriterien sind aber auf ein beliebiges Thema anwendbar.

Man hat mir schon gesagt, ich sei zu kritisch. Das betrachte ich als Kompliment. Trotzdem möchte ich mit diesem Beitrag keinesfalls irgendjemanden kritisieren. Erst wollte ich deshalb keine Beispiele bringen. Ohne Beispiele finde ich es allerdings sehr schwierig, deutlich zu machen, was ich meine. Deshalb der ausdrückliche Hinweis: Alle Beispiele sind frei erfunden. Aufgrund der Vielzahl der existierenden Texte, die ich unmöglich alle kennen kann, halte ich es aber nicht für ausgeschlossen, dass zufällige Parallelen zu irgendeinem Text auftreten. Das wäre dann wirklich nur Zufall, ich meine niemals einen bestimmten Text. Auch geht es nicht darum, Geschriebenes zu bewerten. Es geht um Texte, die euch von etwas überzeugen wollen. Und die Frage, ob ihr euch von ihnen überzeugen lasst.

Wie kann ich nun also beurteilen, ob die Aussagen eines Textes glaubhaft sind? Dies sind meine Kriterien:

Begründungen

Sind die Aussagen überhaupt begründet? Oder wird immer nur eine Aussage in verschieden Formulierungen wiederholt?

Scheinargumente

Manche Argumente sind gar keine. Die tun nur so. Sie werden dann eingesetzt, wenn die echten Argumente ausgehen. Zum Beispiel: „Das ist in der Natur auch so.“ „Das war früher auch so.“ – Eigentlich das meiste mit „auch so“. Wenn mir irgendjemand erzählen möchte, ich solle aufhören zu studieren, heiraten und Kinder bekommen, weil Frauen das früher auch so gemacht haben, haue ich demjenigen meine sämtlichen Physikbücher auf den Kopf! Oder soll ich gleich von einer Brücke springen, weil in der Natur Tiere, die so kurzsichtig sind wie ich, auch nicht überleben würden?

Logik

Ist die Argumentationskette in sich konsistent, d.h. folgt tatsächlich ein Argument logisch aus dem anderen? Oder gibt es innere Widersprüche? Ist die Schlussfolgerung notwendig oder gibt es andere, alternative Folgerungen? Was sind die Voraussetzungen, von denen ausgegangen wird? Sind sie notwendigerweise erfüllt?

Beispiel: „Hunde sind gestresst, wenn sie alleine gelassen werden, weil sie von Wölfen abstammen und Wölfe Rudeltiere sind.“ Hier haben wir es mit zwei Tatsachen zu tun: „Hunde stammen von Wölfen ab.“ und „Wölfe sind Rudeltiere.“ Daraus wird eine These gefolgert: „Hunde haben Stress, wenn sie alleine sind.“ (*) Dies wird von den beiden Tatsachen genau dann impliziert, wenn die folgenden Voraussetzungen erfüllt sind: „Wenn die Vorfahren einer Spezies Rudeltiere sind, ist diese Spezies es ebenfalls.“ und „Alle Rudeltiere haben Stress, wenn sie alleine sind.“ Diese beiden Aussagen müssen überprüft werden, bevor man auf die Aussage (*) schließen kann. Wenn sich auf der anderen Seite Wolfsrudel zeitweise trennen, ohne dass dies Stress bei den Tieren auslöst, ist die Argumentationskette falsch.

Umgangston

In seriösen Texten herrscht ein sachlicher, höflicher Umgangston. Werden Menschen, die anderer Meinung sind, persönlich angegriffen, zeigt der/die Autor/in damit, dass er/sie sich seiner Sache keineswegs sicher ist. Andernfalls müsste er/sie sich kaum zu irgendwelchen Anfeindungen herablassen.

Rhetorik

Welche Stilmittel werden benutzt? Wie beeinflussen sie die Wirkung des Textes? Es spricht nichts gegen die Verwendung rhetorischer Mittel, aber man sollte sich immer vor Augen halten, inwieweit man durch diese statt durch Inhalte beeinflusst wird.

Intention

Was sind die Ziele des Autors/der Autorin? Möchte er/sie ein Produkt verkaufen, Leser gewinnen, die Welt retten? Auch all das ist nichts Negatives, macht euch nur bewusst, dass es diese eigenen Ziele wahrscheinlich gibt und fragt euch, worin sie bestehen.

Wissenschaft

Gerade in Blogbeiträgen geht es häufig um persönliche Erfahrungen ohne wissenschaftlichen Anspruch. Das ist bei mir nicht anders und natürlich vollkommen in Ordnung. Aber wenn man dann doch Wissenschaft bemüht, sollte es schon die richtige sein. Physik ist selbstverständlich die großartigste Wissenschaft überhaupt und ich kann den Wunsch, sie immer und überall anzuwenden, durchaus nachvollziehen. Vorgänge zwischen Hunden und Menschen durch Physik beschrieben zu wollen, ist allerdings so, als wolle man einen Baumstamm mit einer Pinzette anheben: Des Werkzeug ist vollkommen ungeeignet. Quantenmechanik beispielsweise lässt sich nur auf sehr kleine (sehr, sehr kleine!) Dinge anwenden. Welleneigenschaften bei Hunden kann man getrost vernachlässigen. Wenn Leute von Schwingungen anfangen, geht das in Richtung Esoterik und hat mit seriöser Wissenschaft nichts mehr zu tun. Glaubt nichts, was ihr nicht versteht!

Wenig überraschend, ist die richtige Wissenschaft hier (je nach genauem Thema) die Biologie bzw. (Hunde-) Psychologie. Das Mittel, auf das diese Wissenschaften zurückgreifen, sind in der Regel empirische Studien und Statistiken. Das Ziel ist es, eine widerspruchsfreie, selbstkonsistente Theorie aufzustellen, die die Datenlage beschreibt und möglichst wenige Zusatzannahmen macht. Statistiken liegt immer eine endliche Anzahl an Daten zu Grunde, sodass sie fehleranfällig sind und kritisch geprüft werde müssen. Weil ich diesen Satz so mag, möchte ich hier Gansloßer und Kitchenham zitieren:

„Wer Statistik benutzt wie ein Betrunkener einen Laternenpfahl, nämlich zum Festhalten statt zur Erleuchtung, hat das Wesen der wissenschaftlichen Arbeit allgemein, und keineswegs nur das Wesen der Statistik, gründlich missverstanden.“ [1]

Mitunter werden, wenn Publikationen wiedergegeben werden (meist nicht von den Forschern selbst, sondern von Dritten), einfach statistische Ergebnisse extrahiert, ohne dass auf die Rahmenbedingungen und die zugrundeliegende Theorie eingegangen wird. Das führt zu Fehlern und Missverständnissen! Deshalb seid kritisch. Bevor ihr etwas glaubt, prüft die Quellen (siehe unten), versteht die Theorie.

Quellenangaben

Werden in einem Text Erkenntnisse Dritter zitiert, sollte das richtig geschehen. Erstens aus rechtlichen Gründen, zweitens zur Nachvollziehbarkeit. Also beispielsweise nicht: „Forscher haben festgestellt, dass in Hunde nach Konfliktsituationen zwischen Artgenossen, an denen sie selbst nicht beteiligt sind, versöhnend eingreifen.“ Sondern etwa: „Laut einer Studie von Cools, Van Hount und Nelissen im Jahr 2008 greifen Hunde nach Konfliktsituationen zwischen Artgenossen, an denen sie selbst nicht beteiligt sind, versöhnend ein. [2]“ Ich gebe zu, dass es umständlich erscheinen kann. Aber Zitieren ohne Quellenangaben (zumindest mal Sekundärliteratur, wenn man das in einem Buch gelesen hat und das dazuschreibt, reicht das ja schon) gehört sich einfach nicht.

 

Wie findet ihr euch im Meinungsirrgarten zurecht? Habt ihr noch Kriterien, die ich vergessen habe?

 

Literatur

[1] Udo Gansloßer, Kate Kitchenham: Forschung trifft Hund, Kosmos, 2012

[2] Annemieke K. A. Cools, Alain J.-M. Van Hount, Mark H. J. Nelissen (2008): Canine Reconcillation and Third-Party-Initiated Post-conflict Affiliation: Do Peacemaking Social Mechanisms in Dogs Rivial those of Higher Primates? Ethology 114, 53-63

 

 

4 Comments

  • Carolin mit Sherlock

    Super Beitrag und mal ganz anders als das, was man sonst so auf Blogs liest!

    Ich zeige auch gleich die Zähne, wenn ich so etwas lese wie: „Medikament X ist reine Chemie. Der Hund der Kollegin vom Nachbarn meiner Freundin ist daran gestorben.“ Hier sind gleich Logik, Wissenschaft und Quellenangabe fragwürdig 😉

    Lieber vertraue ich jemandem, der Tiermedizin studiert hat und täglich viele Hunde behandelt.

  • The Pell-Mell Pack

    Liebe Nora,
    ich stimme Dir in allen Punkten zu. Für mich gibt es dann noch eine weitere Kategorie, Bauchgefühl mit Selbstversuch. Zum Beispiel mein geliebtes „Beyond Obedience“ von April Frost aus den 90ern. Das Kapitel Erziehung fällt durch, da es nicht mehr zeitgemäß ist. Und der Rest des Buches ist ein eher biographisch anmutender Erfahrungsbericht ohne Quellenangaben. Trotzdem sagte mir mein Bauchgefühl beim Lesen, dass es sich anhört wie etwas, was funktionieren und mir gefallen könne. Daher habe zu den Kapitel Kommunikation und naturheilkundliche Behandlung Versuche unternommen und sie für mich und meine Hunde für gut und funktionierend befunden. Und dann auch gleich noch Tipps aus dem Kapitel Ernährung abgegriffen, die ich aber vorher auf passend zu meinem Ernährungskonzept für meine Hunde geprüft habe.
    Habe ich also nur eine Meinung/Erfahrungsbericht, die sich auf Nichts stützen kann, aber mich inspiriert, irgendwie Klick macht (Bauchgefühl), probiere ich es mit kindlicher Absnteuerlust auch einfach mal aus.
    Herzliche Grüße
    Stephie

    P.S. Warum habe ich Dich wieder aus dem Blick verloren, ich liebe deine Texte. Das war so schön einfach bei WordPress(.)com. Da ist mir Nichts entgangen. Doofe DSGVO.

    • Kalle

      Das stimmt, das Bauchgefühl ist mir auch sehr wichtig. Manchmal fühlen sich Dinge einfach richtig an, auch wenn sie nicht wissenschaftlich abgesichert sind. Und wenn dabei niemand zu Schaden kommen kann (und ansonsten würde das Bauchgefühl ja sicher protestieren), kann man ja auch einfach mal etwas ausprobieren und selbst herausfinden, ob es zu einem passt.

      Herzliche Grüße,
      Nora

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