Staunend

Über den eigenen Schatten: Mit Angsthund zu Camp Canis [Werbung]

„Hey und guten Morgen! Machst du bei Camp Canis mit? Wir suchen noch Mitstreiter für die 5 km in Wingst im September.“ Der Smiley unter Stephies Nachricht grinst mich breit an, und unwillkürlich grinse ich zurück. Und unwillkürlich ruft etwas in mir: Ja! Unbedingt! Denn insgeheim wollte ich schon bei so einer Veranstaltung mitlaufen, seit ich zum ersten mal davon gehört hatte.

Und dann kommt natürlich das Aber. Aber ich habe einen Angsthund. Einen Hund, der Angst hat vor Menschen, Hunden, Geräuschen, Objekten. Und vor allem vor Verantwortung. Der für die einfachsten Dinge detaillierte Anleitungen braucht, schnell hysterisch wird und nicht zuletzt seine Pfoten sauberer hält, als meine Schuhe es je sein werden. Dieser Hund soll mich also 5 km durch den Matsch ziehen, voran laufen, Hindernisse überwinden? Auf einer Großveranstaltung? Ach ja, und hatte ich erwähnt, das ich total unsportlich bin? Ich müsste verrückt sein, um das Ganze auch nur in Erwägung zu ziehen.

Also schreibe ich zurück: „Sorry, aber das ist leider nichts für uns.“ Fast hätte ich auf „Senden“ gedrückt. Fast.

Verrücktheit und Magie

Neun Monate später. Wir stehen an einer Straße. Hinter uns fahren Autos vorbei. In einem Garten kreischen spielende Kinder. Mit angelegten Ohren wendet Kalle den Kopf hektisch hin und her, in dem vergeblichen Versuch, alle Gefahren gleichzeitig im Auge zu behalten. Ich hake die Leine ins Zuggeschirr. Dann flüstere ich zwei Worte. Und weil es magische Worte sind, wird alles an dem Hund leichter, aufrechter, sicherer. Zielgerichtet. Er fliegt. Die Worte sind: „Und los!“

 

Warten auf die magischen Worte.

 

Ich mag Listen. Im Zweifelsfall hilft immer eine Liste. In diesem Fall ist es eine Oh-mein-Gott-wir-starten-wirklich-bei-Camp-Canis-Liste. Die die folgenden Punkte beinhaltet:

  1. Ich bin verrückt.

  2. Ich bin nicht alleine verrückt. Ich habe ein wunderbar verrücktes Team: Stephie mit Enki, Sandra mit Charlie, Stefanie mit Stimpy, Marion mit Momo und Lizzy mit Emmely. Ich freue mich so darauf, sie alle persönlich kennenzulernen. Ja, sogar die Menschen.

  3. Wenn ich mich nicht vollkommen blamieren möchte, sollte ich bis September 5 km in einem halbwegs vernünftigen Tempo laufen.

  4. Mein Hund braucht mehr Selbstvertrauen. Zumindest möchte ich erreichen, dass er auf gerader Strecke vor mir läuft und sich möglichst auch zu ein paar Hindernissen überreden lässt. Letzteres von mir aus auch hinter mir.

  5. Wir sollten uns noch etwas mehr mit Wasser anfreunden.

  6. Das ist kein Wettbewerb. Wir müssen nicht besonders gut sein. Wir wollen ans Ziel kommen und Spaß dabei haben.

 

Auf und ab.

 

Voraus

Der letzte Punkt ist tatsächlich etwas, das ich mir gerade am Anfang immer mal wieder gesagt habe. Denn leider muss ich zugeben, dass ich schon ein wenig ehrgeizig bin. Ich kann damit leben, gut in etwas zu sein. Damit ich wirklich zufrieden mit mir bin, muss ich schon mehr als gut sein. Dinge, für die ich kein Talent besitze, fange ich meist gar nicht erst ernsthaft an. Woran auch alle meine bisherigen Ausflüge in die Welt des Sports gescheitert sind. Dieses Mal jedoch habe ich ein vierbeiniges Barometer an meiner Seite, das jeden Druck mit Verweigerung quittiert. Ich achte beim Lauftraining weder auf Zeit noch auf Distanz. Ich passe mich einfach seinem Tempo an; wir laufen, solange wir möchten. Und da beginnt mir das Laufen Freude zu machen.

 

 

Kalle macht sich gut als Trainer. Wir haben das Training zweigeteilt: Laufen auf Distanz, an lockerer Leine nebeneinander trabend, und Laufen auf Tempo, Kalle im Zug. Bei beiden Varianten gibt er das Tempo vor, ich die Richtung. Die Signale „rechts“ und „links“ funktionieren mittlerweile schon ziemlich gut. Das Startsignal „und los“ sowieso. Nun habe ich angefangen, beide Teile des Trainings zu verschmelzen, sodass er die gesamte Strecke im Zug läuft. Noch raubt sein Tempo mir den Atem. Siehe Video. Ich halte die 5 km so nicht durch. Lerne noch, meinen Laufstil anzupassen, mich beim Laufen ein wenig zurückzulehnen und mehr ziehen zu lassen. Und versuche gleichzeitig, ihn ein wenig zu bremsen, ohne seine Motivation zu beeinträchtigen. Wir haben ja noch einen Monat Zeit.

 

Kurze Verschnaufpause für mich.

 

Ich merke, wie sein Selbstvertrauen zunimmt, er an Sicherheit gewinnt. Sich allmählich wohlfühlt in seiner neuen Rolle. Merkt, dass ich ja noch immer da bin, Entscheidungen treffe und ihn in „gefährlichen“ Situationen zu mir zurück hole. Sich auf das Wesentliche konzentriert: Laufen. Und genießt. Er ist in seinem Element. Vielleicht ist das Huskyerbe in ihm doch stärker, als ich dachte.

Hinauf

Gleichzeitig üben wir an den natürlichen Hindernissen, die uns auf unseren Spaziergängen begegnen. Klettern und Springen waren schon immer Kalles Stärke. Nicht nur Baumstämme und Strohballen, auch Felsen, sogar schräg stehende Bäume erklimmt er mit beneidenswerter Selbstverständlichkeit. Während ich noch überlege, ob ein Hindernis zu hoch für uns ist, schaut er schon von oben auf mich herab. Dann bleibt mir gar nichts anderes übrig, als hinterher zu klettern. Auch in Sachen Brücken ist er dank vieler Wanderungen mittlerweile Experte und schreitet (ja doch: schreitet) auch über die eher wackligen Exemplare.

 

Auf Bäumen fühlt sich dieser Hund zuhause.

 

Hinunter

Anders sieht es mit engen oder niedrigen Hindernissen aus, unter denen man hindurch muss. Mag er nicht. Es verletzt Regel Nummer zwei des Bodyguarddaseins: „Behalte immer den Überblick.“ Regel Nummer eins lautet dagegen: „Bleibe immer in der Nähe der Klientin.“ Begibt sich die Klientin nun dummerweise in eine solche Situation, geraten Regel eins und zwei in Konflikt zueinander und der gewissenhafte Bodyguard bekommt einen Nervenzusammenbruch. Also klappt es nicht, einfach vor zu gehen und zu hoffen, dass der Hund nachkommt. Schrittweise Gewöhnung ist zwar möglich, aber nur für einzelne Situationen. Eine Generalisierung wäre zu aufwendig im Verhältnis zum Nutzen. Alles in allem werden wir solche Hindernisse lieber auslassen.

 

Er bevorzugt einen guten Überblick.

 

Hinein

Bleibt das Wasser. Mission schwimmender Schätersky wird eingeleitet. Wir beginnen damit, Bäche zu durchqueren. Und wo ich ihn anfangs noch mit sanfter Gewalt mitnehmen musste, läuft er heute voran, entschlossen auch bei Kälte und starker Strömung. Die Zeiten, in denen ich ihn drängen musste, sind vorbei. Nun ist es umgekehrt. Denn wir können das doch wohl auch schneller, oder? Wenn das Wasser so tief wird, dass er kurz schwimmen muss, braucht er noch ein wenig Unterstützung. Sonst wird er nervös, wenn er den Boden unter den Füßen verliert. Halte ich ihn beim „Start“ am Geschirr, klappt es gut.

 

Nass.

 

Stufe zwei der Mission sind Seen. Leider gibt es in unserer Nähe keine Möglichkeit, zusammen mit Hund zu schwimmen. Erst im Urlaub können wir es probieren. Schnell wird klar, dass Kalle keinen Sinn darin sieht, in einen See zu gehen. Bei den Bächen war es klar: Wir wollen auf die andere Seite. Er schwamm immer auf ein Ufer zu. Aber warum um alles in der Welt sollte er vom Ufer weg schwimmen? Momentan versuche ich noch, ihm Ruhe im und Freude am Wasser zu vermitteln. Es wird sich herausstellen, ob wir je gemeinsam schwimmen werden.

 

Natürliche Brücke.

 

Langsam wird es ernst

So rückt nun also der September immer näher. Meine Liste ist so gut wie durchgearbeitet. Nach wie vor habe ich keine Ahnung, wie Kalle auf die vielen Hunde und Menschen bei Camp Canis reagieren wird. Die Befürchtung, dass ihm das alles so viel Angst macht, dass unsere gesamte sorgfältige Vorbereitung für die Katz war, ist nicht ganz verschwunden. Gleichzeitig steigt die Vorfreude. Denn ein Abenteuer wird es auf jeden Fall. Ein gemeinsames Abenteuer. Was will man mehr?

 

Bereit für jedes Abenteuer!

 

An dieser Stelle möchte ich allen danken, die unseren Start bei Camp Canis erst möglich machen. Zuerst natürlich unserem Team, dass ihr alle dabei seid und für die herzliche Atmosphäre. Ich habe schon jetzt das Gefühl, als würde ich euch persönlich kennen. Insbesondere danke ich der lieben Stephie für die großartige Organisation des Teams! Außerdem danke ich Anni (Hund im Gepäck), die mit ihrem eigenem Angsthund Alex bereits bei Camp Canis gestartet ist, für die hilfsbereite Beantwortung meiner Fragen und die Ermutigung. Ganz besonders danke ich auch unserem Sponsor, der AGILA Haustierversicherung, für die tolle Zusammenarbeit, in deren Rahmen dieser Artikel entstand.

 

 

2 Kommentare

  • Mareike

    Hey,

    wir sind in der Wingst am Sonntag auch das erste Mal bei Camp Canis dabei. Und wir haben uns auch schon für Hoope 2020 angemeldet. Ich bin sehr gespannt, ob Loki ein bisschen über sich hinauswachsen kann. Er ist kein Angsthund, aber ziemlich schreckhaft und unsicher in neuen Situationen. Wir werden sehen…
    Liebe Grüße,
    Mareike & Loki

    • Kalle

      Ich bin auch schon sehr gespannt. Toll, dass ihr auch dabei seid! 🙂 Wir starten am Samstag, aber vielleicht sehen wir uns ja trotzdem. Für Hoope nächstes Jahr sind wir zwar noch nicht angemeldet, haben es aber fest vor. Sofern wir Wingst überleben. 😉

      Liebe Grüße,
      Nora mit Kalle

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