Schätersky erzählt

Veränderungen

Veränderungen mag ich nicht besonders. Sie machen meinen Job schwerer. Gewohnheit bedeutet Sicherheit, bedeutet Einschätzbarkeit, Verlässlichkeit. Für einen Bodyguard unglaublich wichtig. Alles Neue ist eine potentielle Bedrohung, auf die ich mich einstellen muss. Und doch gab es in letzter Zeit viele Veränderungen bei uns. Und ich kann mit Stolz behaupten, dass ich sie großartig gemeistert habe. Während der ganzen Umbrüche habe ich meine Klientin durchgängig begleitet und ihre Sicherheit gewährleistet. Gleichzeitig habe ich mich nicht überarbeitet, Zeit zum Entspannen gefunden und niemanden gefressen, der meiner Klientin noch von Nutzen sein könnte.

Fast ein Stadthund.

Die größte Veränderung ist wohl der Umzug. Wir haben endlich eine gemütliche Wohnung in toller Lage gefunden. In Stadtnähe (wollte meine Klientin), aber sehr ruhig und mit viel Grün drumherum (wollte ich). Wir sind eigentlich überrascht, wie schnell wir uns eingelebt haben. Die Umgebung, in der wir unsere Streifzüge unternehmen, ist ganz nach meinem Geschmack. Flach und übersichtlich, mit Blick bis zum Horizont. Hier kann sich kein Feind unbemerkt anschleichen. Es gibt einen Fluss, an dem man Vögel beobachten und Biber erschnuppern kann, unsere geliebten Streuobstwiesen und eine Menge Felder. Und eine Wiese, die von einer dicken Brombeerhecke geschützt wird, mit nur einem Zugang. Hier kann ich die Klientin von der Leine lassen und ein paar Runden rennen, ohne einen Überraschungsangriff der Anderen befürchten zu müssen. Nur Wald haben wir bislang vergeblich gesucht. Da müssen wir die Fahrkiste benutzen, um eine größere Ansammlung von Bäumen zu erreichen. Macht aber nichts. Ich mag die Fahrkiste.

Das war ich nicht!

Leider ist das Aufkommen an Spionen der Anderen hier relativ hoch. Und dreist sind sie auch. Viele ihrer Menschen unternehmen nicht mal den Versuch, sie von uns fernzuhalten. Ich zeige fleißig jeden der Anderen an. Wir versuchen, ihnen aus dem Weg zu gehen. Und wenn das nichts nützt, zeige ich eben mal die Zähne. Und belle. Und hänge mich in die Leine. Auf den Hinterbeinen stehend. In die Luft schnappend. Ich muss mir ja einen Ruf erarbeiten. Die Klientin seufzt und räumt mich zur Seite. Blockt die Spione ab. Ignoriert blöde Kommentare. Wir diskutieren, ob wir uns das Verhalten der Anderen gefallen lassen oder einfach mal draufhauen sollten. Sie meint ersteres. Ich frage immer mal wieder nach. Bislang hat sie ihre Meinung nicht geändert.

Dann gibt es noch den Anderen vom Dach. Wenn es draußen dunkel ist und im Zimmer Licht brennt, schaut er durch das Dachfenster herein. Ich belle ihn an. Er bellt lautlos zurück. Meine Klientin stürmt ins Zimmer und zischt, ich solle nicht das ganze Haus wecken. Die Klientin des Anderen stürmt auch, zischt aber nicht, bewegt nur tonlos die Lippen. Sie sieht genauso aus wie Frauchen. Trotzdem knurre ich sie an. „Das bin doch ich. Und das bist du!“, behauptet meine Klientin und weist auf den Anderen. Das ist offensichtlich inkorrekt. Schließlich sind wir im Zimmer und die Anderen auf dem Dach, und ich bin ich und niemand sonst. Die Anderen haben es mit ihren Tricks wieder mal geschafft, meine Klientin heillos zu verwirren. Gut, dass sie mich hat, denn ich weiß immer, wer wir sind und wer nicht.

Spielwiese.

Gleichzeitig hat sich die Situation an der Uni für meine Klientin anscheinend verschärft. So sehr, dass sie auch dort nicht mehr auf ihren Bodyguard verzichten möchte. Das heißt, ich begleite sie nun teilweise ins Büro. Unter ihrem Schreibtisch hat sie mir eine Höhle gebaut, in der ich mich zusammenrolle und auf meinen Einsatz warte. So bin ich sofort zur Stelle, falls die Anderen angreifen. Die Tür darf ich nicht bewachen. Anscheinend dürfen tatsächlich Menschen das Büro betreten. Für mich ist das in Ordnung. Ich bin sogar einverstanden, dass sie mit meiner Klientin reden. Nur anfassen dürfen sie mich nicht, das erklärt sie allen. Die sind dann ein wenig enttäuscht. Aber wenn sie geduldig sind, komme ich zu ihnen und beschnuppere sie. Ich merke, dass sie zu uns gehören, nicht zu den Anderen. Trotzdem ist noch immer alles sehr aufregend und manchmal ein bisschen unheimlich. Menschen verhalten sich so seltsam, das irritiert mich dann doch immer wieder.

Außerdem gibt es eine kleine Kollegin aus einem anderen Büro, die hin und wieder herein schaut. Sie gehört nicht zu den Anderen. Sie bedrängt mich nicht, schnüffelt nur aus der Entfernung und legt sich in den Gang vor unserem Büro. Deshalb ist sie mir egal. Vollkommen gleichgültig. Nur manchmal, wenn keiner hinschaut, schnuppere ich vorsichtig in ihre Richtung. Und schaue dann sofort wieder weg, bevor es jemand bemerkt. Von wegen Ruf und so.

Zeit für gemeinsame Unternehmungen muss sein.

Ob an der Uni oder zuhause, meine Klientin ist neben der Umzugsgeschichte sehr mit ihrer Veröffentlichung beschäftigt und hat, außer für uns, kaum Zeit für etwas anderes. Nicht mal Kekse hat sie zu Weihnachten gebacken, was ich persönlich sehr schade finde. Eigentlich wollte sie nämlich auch Hundekekse machen. Doch natürlich verstehe ich sie. Sie muss sich beeilen, weil ein gewisser Chi-Che-Chu (oder so ähnlich. Irgendwo sehr weit weg scheint es eine Gruppe Menschen zu geben, die alle so komisch klingende Namen haben. Ich kann mir keinen von ihnen merken.) sonst schneller ist als sie. „Chi-Che-Chu ist sehr gut, und er schläft nicht“, habe ich ihren Chef erklären hören. Gruselig. Er gehört sicher zu den Anderen und ich stelle mir vor, wie er die ganze Nacht wach ist und Pläne für eine Veröffentlichung schmiedet (was auch immer das eigentlich genau ist). Selbstverständlich kann meine Klientin nicht zulassen, dass die Anderen die Oberhand gewinnen, und arbeitet deshalb zusammen mit ihren Kollegen daran, schneller zu sein. Schlafen tut sie aber trotzdem. Das habe ich überprüft.

Jetzt weißt du auch, warum es in letzter Zeit so still hier war. Wir hatten einfach nicht genug Zeit. Ich hoffe, du hast den jährlichen knallenden Weltuntergang genauso tapfer überstanden wie ich, und wünsche dir und deinem Rudel ein fantastisches neues Jahr!

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